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Lebensmittelbetrug: Den Fälschern auf der Spur

Gefälschte Tintenfische, Pestizid-Erdbeeren mit Biosiegel oder Pferdefleisch, das als Rindfleisch deklariert wird: Der Betrug mit Lebensmitteln floriert, die Tricks der Kriminellen werden immer raffinierter. Welche Maßnahmen deutsche und europäische Behörden ergreifen und wie eine Zertifizierung vor Betrug schützen kann, schildert dieser Beitrag.

Das flüssige Gold tropft schwerfällig auf den Boden der glutheißen Pfanne. Es zischt kurz auf und sofort verbreitet sich ein angenehm fruchtiges Aroma in der Luft: Die Rede ist von Olivenöl, dem Fundament der mediterranen Küche. Auch in Deutschland erfreut sich das angeblich gesundheitsfördernde Öl zunehmender Beliebtheit - etwas weniger als ein Liter pro Person landet jährlich auf deutschen Speisetellern. Doch die Herstellung von Olivenöl ist teuer, für ein durchschnittliches Olivenöl zahlen Verbrauchende um die sieben Euro, für Spitzenolivenöle bis zu 30 Euro.

Kriminelle kommen hier schnell zu Geld, indem sie das Öl zum Beispiel mit minderwertigen Ölen strecken. Oder sie ersetzen das Olivenöl komplett durch Soja- und Sonnenblumenöl, so wie es über Jahre einem Ring italienischer Krimineller aus Apulien gelang:

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Sie färbten das Öl einfach um, setzten Zusätze für Geschmack und Zähflüssigkeit hinzu und verkauften es erfolgreich an deutsche Restaurants. Erst im Frühjahr 2019 gelang es laut Süddeutscher Zeitung schließlich knapp 250 gut vernetzten italienischen Carabinieri und Beamten der Agenturen Eurojust und Europol im Rahmen der internationalen Operation OPSON zur Bekämpfung von Lebensmittelbetrug, ihnen das Handwerk zu legen.

Und das ist kein Einzelfall. Immer wieder tauchen gefälschte Produkte auf dem Lebensmittelmarkt auf. Medien wie die Wirtschaftswoche berichten von „Pestizid-Erdbeeren“ aus der Türkei, die das Biosiegel tragen oder als Tierfutter gedachte Oktopusse, die durch den Einsatz von Chemikalien wieder appetitlich aussehen und auf dem Markt als fangfrisch angepriesen werden - der Betrug mit Lebensmitteln (Food Fraud) floriert.

Lebensmittelbetrug: Diese Bedingungen definieren den Betrug

Was genau Lebensmittelbetrug ist und was nicht - mit einer Definition tun sich Juristinnen und Juristen bislang schwer. Vielmehr existieren national und international unterschiedliche Ansätze, um den Rechtsbereich konkreter fassen zu können. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) definiert den Lebensmittelbetrug auf seiner Website so: Bei Lebensmittelbetrug handelt es sich um ein vorsätzliches Inverkehrbringen von Lebensmitteln, deren „tatsächliche Beschaffenheit nicht mit ihrer Auslobung übereinstimmt“. Dabei zielt die Täuschung auf einen finanziellen oder wirtschaftlichen Vorteil ab. Lebensmittelbetrug kann, muss jedoch nicht zwingend mit einem Gesundheitsrisiko für Verbraucher einhergehen. Das European Food Fraud Network, welches die Europäische Kommission 2013 nach dem Pferdefleischskandal ins Leben gerufen hat, definiert einen Betrugsfall nach der Erfüllung folgender vier Kriterien:

  • Vorsätzliches Handeln
  • Verstoß gegen das EU-Lebensmittelrecht
  • Gewinnerzielung und
  • Täuschung des Verbrauchers.

Als Partner des EU Food Fraud Networks kämpft das BVL auf internationalem und nationalem Level gegen Lebensmittelbetrug. So steht das BVL zum Beispiel in ständigem Austausch mit europäischen Behörden und dient den Bundesländern als nationale Kontaktstelle und internationale Verbindungsstelle des Systems der Amtshilfe, dem Administrative Assistance and Cooperation System (ACC), in dem sich die Behörden der EU-Mitgliedstaaten schnell austauschen können. Ebenso unterstützt das BVL Europol und INTERPOL bei den so genannten OPSON-Operationen, den weltweit stattfindenden Aktionen zur Bekämpfung von irreführenden und betrügerischen Praktiken. Darüber hinaus koordiniert das BVL einzelne Akteure zur Bekämpfung von Lebensmittelbetrug und entwickelt Systeme zur Prävention von Betrug, zum Beispiel in Kooperation mit dem Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit und der Ludwigs-Maximilians-Universität das Frühwarnsystem ISAR (Import Screening for the Anticipation of Food Risks), welches algorithmenbasiert Lebensmittelpreise und Warenströme analysiert.

Lebensmittelbetrug zu erkennen ist moderne Detektivarbeit

"Einen Fall von Betrug vor Ort in einem Betrieb zu identifizieren, ist aber Aufgabe der Lebensmittelkontrolleure und gehört damit in den Zuständigkeitsbereich der Bundesländer", erklärt Theresa Bückmann, Mitarbeiterin des BVL. Richtungsweisend für den Einsatz der Lebensmittelkontrolleure ist die EU-Verordnung 2017/625 (OCR), der zufolge behördliche Kontrollen die Möglichkeit betrügerischer oder irreführender Praktiken in der risikoorientierten Lebensmittelüberwachung berücksichtigen sollen. "Es ist keine leichte Aufgabe für die Kontrolleure, da sie ihre Untersuchungen auf Grundlage eines gewissen Verdachtes durchführen müssen. Aber es ist gleichzeitig ein erster Ansatz, Lebensmittelbetrug auch mit in die risikoorientierte Probenplanung aufzunehmen", so Bückmann.

Das Aufspüren von Lebensmittelbetrug ist komplex, es grenzt an Detektivarbeit. Die Proben auf gefälschte Substanzen zu untersuchen, erfordert spezifische und hochmoderne Analyseverfahren. Auch ist es oft nicht einfach, zwischen einem Fehler in der Produktionskette und vorsätzlichem Betrug zu unterscheiden. Die Betrüger und Betrügerinnen sind international vernetzt, sie nutzen die Schwächen globaler, undurchsichtiger Lieferketten aus. Vorprozessierte Produkte, zum Beispiel Convenience Food und der wachsende Online-Handel erschweren die Rückverfolgbarkeit von Produkten, das spielt den Kriminellen zusätzlich in die Hände.

"Im Grunde kann Lebensmittelbetrug entlang der gesamten Warenkette passieren. Es kann der Erzeuger sein, der einen preiswerteren Ersatz untermischt oder es passiert beim Verarbeiten des prozessierten Lebensmittels. Vielleicht ist es auch der Zwischenhändler, der etwas umdeklariert oder schließlich der Händler oder Restaurantbesitzer, der auf der Menükarte Seezunge auslobt, aber Pangasius serviert", erläutert  Bückmann. Dass Unternehmen zu betrügerischen Absichten greifen, hat viele Ursachen: Der Druck auf kleine Händler, bei der Preispolitik der Discounter mitzuhalten, die Verknappung von Rohstoffen oder Unterbrechung der Warenketten durch Naturkatastrophen. "Es gibt viele Treiber, die dazu führen, dass Unternehmen ins Ungleichgewicht kommen", so Bückmann.

Lebensmittelbetrug kann zu Kosten in Millionenhöhe führen

Je schlauer die Betrüger fälschen, desto besser müssen auch die Analyseverfahren der Labore werden. Neben Target-Analysen, die bestimmte Markersubstanzen in Proben analysieren, wobei z. B. DNA-Sequenzierungen, die sogenannte Next Generation Sequencing Analyse eine immer wichtigere Bedeutung einnehmen, werden Non-target-Analysen, bei denen kein Analyt gesucht wird, sondern ein chemischer Fingerabdruck der Probe aufgenommen wird, welcher durch einen Datenbanken mit authentischen Proben abgeglichen werden kann, immer wichtiger. Unternehmer und Unternehmerinnen können auch ohne aufwändige Laboruntersuchungen einen Grundstein legen, um Lebensmittelbetrug zu bekämpfen. Und das lohnt sich: Experten und Expertinnen schätzen den weltweiten wirtschaftlichen Schaden durch Lebensmittelbetrug auf 30 bis 40 Milliarden Dollar. Verliert das Produkt durch verfälschte Zutaten seinen Qualitätsstandard, oder bringt die Verfälschung zusätzlich eine Gesundheitsgefahr für die Verbraucher und die Verbraucherinnen mit, kann dies zu einem Rückruf führen. Im Jahr 2017 bezifferte das Versicherungsunternehmen Allianz die Kosten von Rückrufaktionen in der Lebensmittelbranche auf rund 8 Millionen Euro.

Theresa Bückmann empfiehlt Unternehmen daher, sich frühzeitig und präventiv mit den Schwachstellen im eigenen Unternehmen zu befassen. "Letztendlich muss ich mir die Frage stellen, wo die kritischen Punkte in meiner Lieferkette sind und wie häufig ich diese Stellen analysieren muss. Und wie vertrauensvoll sind eigentlich meine Lieferanten?", so Bückmann. Lebensmittelbetrug zu erkennen und zu bekämpfen, sei aber nicht nur Chefsache. "Die eigenen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen für das Thema zu sensibilisieren, spielt für Unternehmer und Unternehmerinnen eine wichtige Rolle“, so Bückmann. Sie empfiehlt zum Beispiel Einkäufern, den Rohstoffmarkt im Auge zu behalten: "Steigt ein Rohstoffpreis stetig an, während der eigene Einkaufspreis stabil bleibt, muss ich mich fragen, ob der eingekaufte Rohstoff noch die gleiche Qualität hat oder Fremdbestandteile enthält. Ebenso können Mitarbeitende bei Anlieferung verdächtige Veränderungen melden." Eine Alternative dazu ist eine Zertifizierung nach IFS Food oder ISO 22000. Beide Zertifizierungen stellen Anforderungen an Unternehmen, zum Beispiel eine Schwachstellenanalyse bezüglich Lebensmittelbetrug zu erstellen.

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