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15 Minuten mit Steffen Roßberg

Der gebürtige Leipziger Steffen Roßberg studierte zunächst Humanmedizin, bevor er zu BWL wechselte und sein Studium in Mannheim erfolgreich abschloss. 2011 kam er zu TÜV NORD CERT nach Hamburg und leitet inzwischen das Profit Center „Bildung und Personenzertifizierungen“. Warum der Wahl-Hamburger seinen Bereich mit einem Schiff vergleicht, welche Fahrten dieses Schiff bereits zurückgelegt hat und welche Ziele es noch ansteuern will, erzählt er im Interview.

Herr Roßberg, seit wann gibt es Ihnen Bereich?

Das Schiff „Bildung und Personenzertifizierung“ wurde zum 1. Januar 2015 getauft und schon der Stapellauf war besonders: Die Mannschaft war vollständig an Deck – nur der Käpt’n nicht. Denn ich war zu der Zeit noch in Elternzeit – hatte also weit schwierigere Aufgaben zu meistern – und bin dann erst im Februar 2015 an Bord gegangen.

Steffen Roßberg

War das für das „Schiff“ ein Problem?

Im Gegenteil – eine Chance. Denn getreu meines Lieblingsspruches „Du sollst denken lernen – nicht gedachtes“, wurde schon in den ersten zwei Monaten Lösungen und Ideen vom Team entwickelt, die noch heute Grundlage für unseren wirtschaftlichen Erfolg sind. Wir sind in 2015 mit einem Umsatz von 700.000 € gestartet – ein Wert, den wir dieses Jahr schon im August überboten haben. Bis zum Jahresende werden wir bei ca. 1,2 Millionen Euro liegen und damit gegenüber 2015 unseren Umsatz um 70 Prozent gesteigert haben. Eine Bilanz, die für so ein kleines Schiff meines Erachtens sehr beeindruckend ist – immerhin haben wir nur eine Besatzungsstärke von acht.

Was ist die Grundlage für diesen Erfolg?

Zwei Dinge, ohne die man auf hoher See nicht überleben kann: a) der richtige Kurs (also die Strategie) und b) eine eingeschworene Mannschafft, die – wenn nötig – auch mal bereit ist, auf den Ruderbänken Platz zu nehmen und anzupacken, bis wieder Wind in die Segel geht. Ich habe das Glück, dass beide Punkte hier gegeben sind. Strategisch mussten wir zwei verschiedene Seegebiete mit Untiefen umschiffen. Das Gebiet „Bildung“ war zum Start geprägt von einer extremen Abhängigkeit von dem Zertifizierungsstandard „AZAV“. Dieses Geschäft ist jedoch extrem kleinteilig und der Markt ist mit Wettbewerbern völlig übersättigt. Gleichzeitig sind die formalen Vorgaben seitens des BMAS, der Bundesagentur für Arbeit und der DAkkS progressiv ansteigend. Bei einer (nicht wahrscheinlichen, aber auch nicht unmöglichen) Entscheidung der Bundesregierung, diese Zertifizierung einzustellen, wäre unser Schiff aufgrund der wirtschaftlichen Abhängigkeit sofort auf Grund gelaufen. Daher hatten Jörn Büßen, Ina Garroth und Renate Krüger die Aufgabe, diese Abhängigkeit durch den Ausbau des Zertifizierungsgeschäftes mit der freiwilligen Zertifizierung (z.B. ISO 29993) zu reduzieren. Das ist ihnen sehr gut gelungen. Die Nachfrage nach Zertifizierungen im Bildungssektor ist insbesondere International stark ansteigend. Hilfreich ist dabei auch, dass immer mehr Regierungen weltweit die Bedeutung von „Bildung“ anerkennen und entsprechend fördern. Im Oktober war S.E. Sebastián Piñera, Präsident der Republik Chile, in Hamburg und sagte: „Bildung ist eines der wichtigsten Themen unserer Zeit. Aber Bildung ohne Qualität ist wertlos“. So passt es gut, dass wir bis zum Jahresende zehn Berufsschulen in Chile zertifiziert haben werden – die ersten zertifizierten Berufsschulen in Mittel- und Südamerika überhaupt. Ein Projekt zur Zertifizierung weiterer 50 Berufsschulen ist in der Anbahnung.

Und das zweite "Seegebiet"?

Das ist die Personenzertifizierung. Hier gab es aus der Historie heraus gleich mehrere Untiefen zu umschiffen. Das Thema hatte jahrelang keinen festen Heimathafen und wurde immer eher „nebenbei“ behandelt. Gleichzeitig gab es hohes Konfliktpotenzial mit unserer Schwesterorganisation TÜV NORD Akademie. Doch Ina Walter, Sylvia Schuster und Ulrike Steinbrink ist es zusammen mit Martina Beyer und ihrem Team vom Prüfungszentrum der TÜV NORD Akademie gelungen, das Seegebiet neu zu kartographieren, die jeweiligen Verantwortlichkeiten abzustecken und Abläufe zu optimieren. Dadurch ist nicht nur die Zusammenarbeit mit der TÜV NORD Akademie verbessert worden. Das entwickelte Modell ist auch übertragbar auf weitere Konzerntöchter mit Ambitionen im Bereich der Personenzertifizierung. Mit diesem Rückenwind war und ist es auch möglich, ständig neue Produkte zu entwickeln. Die wichtigsten Neuentwicklungen sind dabei das Projekt „Certified Trailer Inspection Professionell“ (cTIP) und die „Berufsbetreuer“. Beide Projekte wurden mit kompetenten Kooperationspartnern entwickelt, cTIP mit der TÜV NORD Mobilität und die Berufsbetreuer mit dem C.H. Beck Verlag aus München. Auch im Bereich der Personenzertifizierung freuen wir uns über eine stetig steigende Nachfrage. Es wird immer mehr Entscheidungsträgern klar, dass die Wertigkeit eines zeitpunktbezogenen Kompetenznachweises (wie beispielsweise eines Abiturzeugnisses) nachlässt, je größer der zeitliche Abstand zum Tag der Prüfung ist. Demgegenüber ist ein zeitraumbezogener Kompetenznachweis, wie ein Personenzertifikat mit Ablaufdatum, immer aktuell und somit immer hochwertig.

Das klingt so, als würde immer alles glatt laufen?

Wie jedes Schiff sind auch wir Wind und Wetter und der See ausgesetzt. So bin ich beispielsweise für das Strategische OBS-Projekt "PD5 – Training" mehrere Seemeilen von meinem Ziel entfernt. Hier gilt es, die verlorene Zeit zügig wieder aufzuholen.

Und welcher Kurs liegt jetzt an?

Einmal um die Welt, virtuell und in echt. Bislang haben wir unsere Produkte für heimische Gewässer entwickelt und sind nur zu Übungsfahrten international tätig gewesen. Der nächste Schritt ist daher ganz klar: Das, was wir hier erprobt haben, nun in die Welt zu tragen. Hierfür wurde die Besatzung zum 1. Oktober 2018 nochmal kompetent verstärkt. Mit Katja Beyer haben wir nun eine Navigatorin an Bord, die uns sicher und zielgerichtet durch die internationalen Gewässer routen wird und somit für den neuen Kurs die richtige Verstärkung ist. Auch ihre IRCA-Kurse und -Zertifizierungen sind eine thematisch sinnvolle Ergänzung unseres Produktportfolios. Ein weiterer Fokus liegt im Bereich der „virtuellen“ Weltumrundung. Jörn Büßen hat, mit hervorragender Unterstützung durch das Corporate Center Innovation, das erste vollständig remote durchgeführte Audit der TÜV NORD CERT absolviert. Gespräche zur Anerkennung des Verfahrens durch die DAkkS und die Bundesagentur für Arbeit sind bereits initiiert und wir planen, das Projekt „Remote-Audit“ kontinuierlich weiter auszubauen.

Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin allzeit guten Kurs!