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Digitalisierung der Logistik: Wird der Mensch überflüssig?

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Beitrag vom 06.10.2020

Fachkräfte fürchten um ihre Arbeitsplätze

Die Digitalisierung macht Arbeitnehmenden in der Logistik Angst. Einer Studie des Jobportals Meinestadt.de zufolge fürchtet ein Viertel der befragten Fachkräfte, den eigenen Arbeitsplatz zu verlieren. Das sind deutlich mehr als in anderen Branchen.

Aber ist diese Sorge berechtigt? Werden in naher Zukunft Maschinen eigenständig Lager verwalten, Warenströme managen und Transporte durchführen? Und wo bleibt der Mensch bei alldem?

Wir haben mit Experten über die Auswirkungen der Digitalisierung in der Logistik gesprochen. Dabei sind wir besonders der Frage nachgegangen, ob Arbeitnehmende für die nächsten Jahre und Jahrzehnte mit einem massiven Jobverlust rechnen müssen.

Was bedeutet Digitalisierung heute in der Logistik?

Digitalisierung ist ein weites Feld. Genaugenommen umfasst dieses auch Software wie SAP, die schon länger zum Standard in Logistikunternehmen gehört. Wenn von Digitalisierung der Logistik die Rede ist, stehen aber meist spektakulärere Dinge im Vordergrund: Künstliche Intelligenz, Augmented Reality und eine komplett vernetzte Infrastruktur im Sinne von Logistik 4.0. Da ist der Schritt nicht weit zu Vorstellungen von selbstfahrenden Transporteinheiten und Drohnen, die Bestände abgleichen.

Laut Andreas Rükgauer, Professor für Produktion und Industriebetriebslehre an der FHWS Würzburg sowie Inhaber der Unternehmensberatung intent.consult, haben solche Vorstellungen mit der heutigen Realität in durchschnittlichen Logistikunternehmen wenig zu tun. „Es gibt zwar sehr viele Bemühungen im Bereich datengestütztes Arbeiten, also zum Beispiel KI und Big Data, aber die Erfolge sind bisher überschaubar.“

Das gilt auch für gern angeführte Referenzthemen wie die vorausschauende Wartung von Maschinen, die sogenannte „predictive Maintenance“. Christian Kille, Professor für Handelslogistik und Operations Management an der FHWS Würzburg, pflichtet ihm da bei. „Auch die Fälle, in denen Datenbrillen bei der Kommissionierung zum Einsatz kommen, lassen sich an einer Hand abzählen.“ Oft ist die Technik nicht weit genug ausgereift. So ermöglichen heute verfügbare Datenbrillen noch kein langes schwindelfreies Arbeiten.

Viele Tätigkeiten in der Logistik lassen sich schwer automatisieren

Und die Zukunft? Andreas Rükgauer und Christian Kille sind sich in ihrer Prognose weitgehend einig:

  • Die Entwicklung wird demnach langsam und evolutionär ablaufen statt in Sprüngen. Das gilt zum Beispiel für heute schon im Test befindliche Lagersysteme, die über Roboter implementiert werden.
  • Viele Tätigkeiten in der Logistik lassen sich schwer automatisieren, weil sie eine zu hohe Vielfalt aufweisen. Andreas Rükgauer bringt als Beispiel das florierende Geschäft von Unternehmen der Kontraktlogistik. Diese beschäftigen oft viele Hundert Mitarbeiter, die Teile für Automobilzulieferer vormontieren. Dabei sind viele Arbeitsabläufe zwar simpel, unterscheiden sich aber stark.
  • Am ehesten für eine Automatisierung eignen sich Abläufe, bei denen größere Mengen in immer derselben Art und Weise behandelt werden. Das aber sind meist überschaubare Anteile von Tätigkeiten. Dass dadurch massenhaft „Manpower“ frei wird, ist unwahrscheinlich.

Ein wesentlicher Punkt, der in der Debatte über Digitalisierung und Logistik oft unter den Tisch fällt: Selbst einfache Arbeitsabläufe von Maschinen erledigen zu lassen, lohnt sich nur, wenn es Kosten spart und/oder spürbar mehr Umsatz bringt. Andernfalls ergibt es keinen Sinn, Roboter einzusetzen. Dass etwas theoretisch möglich ist, bedeutet also noch lange nicht, dass es umgesetzt wird.

Logistikjobs in der Zukunft: Warum es wohl anders kommt als befürchtet

Ist die Angst vor der Digitalisierung als Jobkiller also unbegründet? Glaubt man Andreas Rükgauer und Christian Kille, dann ja. Damit sind sie sich einig mit Matthias Vaterrodt, Manager Digital Academy bei TÜV NORD. Der weist darauf hin, dass die Angst um den Verlust von Arbeitsplätzen schon frühere industrielle Revolutionen begleitet hat. „Diese Angst hat sich aber nie bewahrheitet. Die Arbeit ist sogar tendenziell mehr geworden.“ Allerdings sei es leichter, sich vorzustellen, wie eine Maschine den eigenen Job erledigt, als welche anderen Jobs neu hinzukommen.

Denn dass sich Jobs mit der Digitalisierung in der Logistik verändern, lässt sich kaum bestreiten. Damit verändern sich auch die Anforderungen an Arbeitnehmende.

Das heißt nicht, dass Logistikfachkräfte in Zukunft alle programmieren können müssen. Laut Andreas Rükgauer wird aber wohl jeder „in der Lage sein müssen, mit computergestützten Systemen zu arbeiten.“ Ältere Fachkräfte müssen akzeptieren, dass Bauchgefühl nicht über alles geht und dass kaum noch Tätigkeiten in erster Linie aus repetitiven mechanischen Tätigkeiten bestehen. Auch branchenübergreifend, so Matthias Vaterrodt, wird das Arbeiten „zusammen mit Maschinen“ an Bedeutung gewinnen. Roboter werden weniger zum Ersatz als zum „Kollegen“.

Umso wichtiger ist es für Arbeitgebende, Arbeitnehmende mitzunehmen und sie auf neue Definitionen von Arbeit vorzubereiten. Wenn dies nicht gelingt, besteht das Risiko, dass ungelernte Kräfte auf der Strecke bleiben.

Logistikunternehmen sehen eher Chancen der Digitalisierung

Die Digitalisierung wird sich in verschiedenen Branchen unterschiedlich auswirken. Für Christian Kille steht fest: „Die Logistik profitiert eher von der Digitalisierung. Unternehmer hoffen nicht, Mitarbeiter zu reduzieren, sondern, die Leistung zu erhöhen.“ Auch Andreas Rükgauer geht davon aus, dass die Gefahr, dass Maschinen Arbeitsplätze ersetzen, in der Finanzbranche ungleich größer ist als in der Logistik.

Schließt man sich beiden in ihrem Urteil an, gibt es für Fachkräfte in der Logistik wenig Grund, sich Sorgen zu machen. Voraussetzung ist, dass sie am Ball bleiben. Denn je mehr sich Arbeitnehmende auf die Digitalisierung einlassen und ihre Fähigkeiten, mit Maschinen zu arbeiten, ausbauen, desto besser stehen ihre Chancen auf spannende und lukrative Jobs in der Logistik der Zukunft.

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