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Nachhaltigkeitsberichterstattung nach dem CSR-RUG

Nachhaltigkeitsberichterstattung nach dem CSR-RUG

Beitrag vom 06.05.2021

Zur Themenwelt Moderne Arbeitswelt

Nachhaltigkeitsberichterstattung – Informationen, Gesetze und Standards im Überblick

Nachhaltigkeit ist in aller Munde. Dementsprechend gewinnt auch das Thema Nachhaltigkeitsberichterstattung immer mehr an Bedeutung. Das CSR-Richtlinie-Umsetzungsgesetz stellt konkrete Anforderungen an deutsche Unternehmen. Für einige ist die Umsetzung gesetzlich verpflichtend, andere Unternehmen halten sich freiwillig an den Nachhaltigkeitskodex. 

Im Interview mit unserem Experten für Nachhaltigkeits- und Transformationsmanagement Dr. Hans Meves erfahren Sie unter anderem,

  • für welche Unternehmen die Nachhaltigkeitsberichterstattung nach dem CSR-RUG gesetzlich verpflichtend ist,
  • warum auch andere Unternehmen sich mit dem Thema befassen sollten,
  • welche Richtlinien, Gesetze und Verordnungen zu beachten sind,
  • welche Standards besonders relevant sind und
  • wie sich das Thema Nachhaltigkeit in Zukunft weiterentwickeln wird.

Dr. Hans Meves

Unser Experte: Dr. Hans Meves

Dr. Hans Meves, Geschäftsführer von Civicon, beschäftigt sich bereits seit über 20 Jahren mit den Themen Neue Arbeit (New Work). Mit dem vom ihm gegründeteten Verein Neue Arbeit - Neue Kultur e.V. und durch die Aktivitäten von Civicon engagiert er sich dafür, dass die sich verändernden technologischen Rahmenbedingungen, ihre Auswirkung auf unser Verständnis von Arbeit und die drei Säulen der Nachhaltigkeit gemeinsam betrachtet werden.

 

Für welche Unternehmen ist die Nachhaltigkeitsberichterstattung nach dem CSR-RUG gesetzlich verpflichtend?

Dr. Hans Meves: "Nach dem Gesetz sind große Unternehmen (§ 267 Abs. 3 HGB2) und Konzerne (§ 293 HGB), die jeweils kapitalmarktorientiert (§ 264d HGB) sind und im Jahresdurchschnitt mehr als 500 Mitarbeiter beschäftigen, betroffen. Zum Anwendungsbereich gehören auch Genossenschaften sowie – unabhängig von der Kapitalmarktorientierung – große Kreditinstitute, Finanzdienstleistungs- und Versicherungsunternehmen/-konzerne mit im Jahresdurchschnitt mehr als 500 Mitarbeitern.

Auch Personenhandelsgesellschaften im Sinne des § 264a HGB, die mehr als 500 Mitarbeiter beschäftigen, sind von den nichtfinanziellen Berichtspflichten betroffen, wenn sie groß (§§ 267 Abs. 3, 293 HGB) und kapitalmarktorientiert (§ 264d HGB) sind.

  • Wenn zwei der drei nachfolgenden Kriterien an zwei aufeinanderfolgenden Stichtagen erfüllt werden, gilt ein Unternehmen als groß: >20 Millionen Euro Bilanzsumme, > 40 Millionen Euro Umsatzerlöse, > 250 Mitarbeiter im Jahresdurchschnitt
  • Nicht betroffen sind somit alle Unternehmen mit 500 oder weniger Mitarbeitern oder „normale” GmbHs, die mehr als 500 Mitarbeiter beschäftigen."

Nach welchen Leitlinien kann berichtet werden?

Dr. Hans Meves: "Als Orientierung für die Berichterstattung können zum Beispiel die etablierten nationalen und internationalen Rahmenwerke der Global Reporting Initiative (GRI) oder des Rates für nachhaltige Entwicklung (Deutscher Nachhaltigkeitskodex; DNK) genutzt werden. Beachtung finden in diesem Zusammenhang auch die ISO 26000 und der UN Global Compact. Die Anwendung der in der Gesetzesbegründung empfohlenen Leitlinien ist nicht verpflichtend. Insofern herrscht eine hohe Flexibilität bei der Umsetzung."

Warum sollten auch andere Unternehmen sich mit dem Thema Nachhaltigkeitsberichterstattung auseinandersetzen?

Dr. Hans Meves: "Mit der Umsetzung der CSR-Richtlinie in nationales Recht soll den gestiegenen Informationsansprüchen der Stakeholder an die Unternehmensberichterstattung Rechnung getragen werden. Belange der Corporate Social Responsibility sollen nicht mehr als bloßes Lippenbekenntnis der Unternehmen im Sinne des sog. „Green Washing“ berichtet werden. Ein Großteil der Verbraucher begrüßt nicht nur ein Bekenntnis zur Einhaltung von CSR-Belangen, sondern fordert es auch konsequent ein, indem zuwider handelnde Unternehmen z.B. mit Konsumverzicht gestraft werden.

Mittlerweile ist die Umsetzung nachhaltiger Geschäftspraktiken im Lieferkettenmanagement Bestandteil vieler Ausschreibungen. So setzen verschiedene Großkonzerne die Erfüllung von definierten Nachhaltigkeitskriterien, wie die Registrierung auf Lieferantenratingplattformen, für die Lieferantenauswahl und Auftragsvergabe voraus.

Neben der Steigerung von Transparenz und Reputation kann die Nachhaltigkeitsberichterstattung auch zur Positionierung im Wettbewerb genutzt werden. So kann eine nichtfinanzielle Berichterstattung zur Attraktivität der entsprechenden Unternehmen als Arbeitgeber oder als Geschäftspartner beitragen. Folglich ist auch eine freiwillige oder eine über die gesetzlichen Anforderungen hinausgehende CSR-Berichterstattung in Betracht zu ziehen."

Welche Richtlinien, Gesetze und Verordnungen spielen für die Nachhaltigkeitsberichterstattung eine Rolle?

Dr. Hans Meves: "In Bezug zur Umsetzung einer Nachberichterstattung und praktizierten „Corporate Social Responsibility“ erweisen sich folgende Verordnungen, Richtlinien und Gesetzesvorhaben als relevant (wenn auch nicht per se als verbindlich). Dazu gehören, zum Beispiel, auf den folgenden Ebenen:

EU-Ebene
  • Richtlinie 2014/95/EU für die Angabe nichtfinanzieller und die Diversität betreffender Informationen durch bestimmte Unternehmen und Gruppen zur Sozial- und Umweltberichterstattung
  • Verordnung (EU) 2020/852: Einrichtung eines Rahmens zur Erleichterung nachhaltiger Investitionen
  • Aktionsplan (EU) für Nachhaltigkeit in Produktion und Verbrauch und für eine nachhaltige Industriepolitik (KOM/2008) 397 endgültig
  • Fahrplan (EU) für ein ressourcenschonendes Europa (KOM/2011) 571 endgültig
  • Aktionsplan (EU) für ein umweltorientiertes öffentliches Beschaffungswesen (KOM/2008) 400 endgültig
  • Aktionsplan (EU) Stimulation von Technologien für nachhaltige Entwicklung (KOM/2004) 38 endgültig
  • Ökodesign Richtlinie (EU) zur Festlegung von Anforderungen an die umweltgerechte Gestaltung von Produkten (KOM/2009) 125
  • Verordnung (EU) Umweltmanagement und Umweltprüfung (EMAS) in Unternehmen (KOM/2017) 1505
  • Aktionsplan (EU) Der europäische Grüne Deal (KOM/2019) 640 endgültig
Nationale Ebene
  • CSR-Richtline-Umsetzungsgesetz (CSR RUG): Anforderungen an die Berichterstattung nichtfinanzieller Informationen/nationales Gesetz zur Umsetzung der EU-Richtlinie 2014/95/EU
  • Weiter Gesetze und Verordnungen in Anlehnung an die oben genannten EU-Verordnungen (Auflistung lässt sich beliebig erweitern)"

Welche Formen der nichtfinanziellen Berichterstattung sind möglich?

Dr. Hans Meves: "Es gibt zwei Möglichkeiten:

  1. Erweiterung des Lageberichts um eine nichtfinanzielle Erklärung

  2. Erstellung eines separaten nichtfinanziellen Berichts

Die inhaltlichen Vorgaben sind für die nichtfinanzielle Erklärung und den nichtfinanziellen Bericht identisch."

Wer ist für die Erstellung des Nachhaltigkeitsberichts im Unternehmen verantwortlich?

Dr. Hans Meves: "Um das Thema Nachhaltigkeit effektiv in die verschiedenen Geschäftsbereiche und Prozesse zu integrieren, ist nicht nur ein Überblick über das gesamte Geschäft notwendig, sondern auch die entsprechende Weisungsbefugnis, um auch tiefergreifende Veränderungen zu realisieren und nachhaltiges Verhalten vorzuleben. Nachhaltigkeit muss daher auch immer von der Führungsebene mitgetragen werden. Deswegen sollte in der Geschäftsführung und gegebenenfalls auch im Vorstand eine Person für das Thema verantwortlich sein und sicherstellen, dass Nachhaltigkeit bei strategischen Unternehmensentscheidungen berücksichtigt wird."

Wie misst man Nachhaltigkeit? Wie funktioniert die Entwicklung nachhaltiger Unternehmensziele?

Dr. Hans Meves: "Etablierte Standards geben Orientierung:

Als Rahmen für eine systematische und fundierte Berichterstattung stehen verschiedene Standards zur Verfügung – je nach Branche, Größe und strategischer Zielrichtung. Der weltweit verbreitetste Rahmen stammt von der gemeinnützigen Multi-Stakeholder-Initiative Global Reporting Initiative (GRI) und liegt aktuell in Version G4 vor. Weltweit bezieht sich die überwiegende Anzahl an Nachhaltigkeitsberichten auf dieses Format. Kleine und mittelständische Unternehmen oder Firmen mit einer kurzen Wertschöpfungskette, wählen vor allem in Deutschland den Deutschen Nachhaltigkeitskodex, da dieser weniger komplexe Kennzahlen erfordert.

Die wichtigsten Standards im Überblick:

  • Global Reporting Initiative (GRI): Die Multi-Stakeholder-Initiative bietet international anerkannte Indikatoren und Leitfäden (Sustainability Reporting Guidelines) für Organisationen verschiedener Größen und Sektoren. Unternehmen sollen sich dabei auf die für sie wesentlichen Informationen konzentrieren, diese präzise erläutern und mit Daten, Fakten und Informationen belegen. Wenn sich ein Unternehmen im Zuge dieser Wesentlichkeitsanalyse entscheidet, über einzelne CSR-Aspekte nicht zu informieren, müssen diese Auslassungen nachvollziehbar begründet werden ("report or explain"). Viele Unternehmen lassen ihre GRI-Berichte zusätzlich von einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft prüfen.
  • Deutscher Nachhaltigkeitskodex (DNK): Der Standard etabliert sich zunehmend in Deutschland, da er sich einfach anwenden und an umfassendere Standards wie UN Global Compact und GRI anknüpfen lässt. Besonders im Mittelstand trifft der DNK zunehmend auf positive Resonanz, da er an den unternehmerischen Realitäten von kleinen und mittelständischen Unternehmen orientiert ist. Wie bei der GRI, müssen diese Auslassungen nachvollziehbar begründet werden („comply or explain"). Die DNK-Entsprechenserklärungen der teilnehmenden Unternehmen sind in einer Online-Datenbank öffentlich einsehbar.
  • UN Global Compact: Auf Einladung der Vereinten Nationen haben sich inzwischen über 12.000 Unternehmen aus 170 Ländern dazu verpflichtet, die zehn sozialen und ökologischen Mindeststandards einzuhalten, die der UN Global Compact vorsieht. Dazu gehören der Schutz von Menschenrechten und Vereinigungsfreiheit (Betriebsrats- und Gewerkschaftsbildung) ebenso wie die Bekämpfung von Korruption, die Förderung des allgemeinen Umweltbewusstseins sowie die Beförderung umweltfreundlicher Technologien. Viele der Unterzeichner belegen die Einhaltung mit einem jährlichen Bericht (Communication on Progress (COP)).

Weitere für die Berichterstattung relevante Standards und CSR-Referenzdokumente sind die UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte, die OECD-Leitsätze für multinationale Unternehmen, die ISO-Norm 26000 und die ILO-Kernarbeitsnormen, die Zertifizierungen der Umweltmanagementsysteme EMAS und ISO 14001 sowie die ESG-Indikatoren der European Federation of Financial Analysts Societies (EFFAS). Die Sustainable Development Goals wirken ebenfalls auf die CSR-Berichterstattung ein, wenn Unternehmen sie nutzen, um die Unternehmensziele zu definieren. Unternehmen können die CSR-Berichterstattung dann nutzen, um zu überprüfen, ob sie ihre Ziele erreicht haben."

Wie wird sich das Thema Nachhaltigkeit in Zukunft entwickeln?

Dr. Hans Meves: "Künftig dürfte das Thema Nachhaltigkeitsberichterstattung insbesondere für kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) wachsende Bedeutung erlangen. Bislang sind sie von der CSR-Berichterstattung nicht unmittelbar betroffen. Allerdings werden langfristige Ziele, Konzepte und Strategien immer häufiger integraler Bestandteil einer überlebensfähigen Unternehmenskultur, die den Fortbestand der Unternehmen sichern und nachhaltiges Wachstum generieren soll. In der DNA der oft eigentümergeführten KMU ist das in den meisten Fällen ohnehin der Fall.

Ihre über mehrere Generationen hinweg ausgerichtete Unternehmensentwicklung, vereint dadurch per se viele der grundlegenden Elemente einer nachhaltigen Unternehmenspraxis. Mittelständische Unternehmen zeichnen sich jedoch traditionell durch eine zurückhaltende Informationspolitik aus. Für sie bietet sich die große Chance, durch die freiwillige Einführung einer Nachhaltigkeitsberichterstattung in ihr Berichtswesen, das stark wachsende Bewusstsein bei Kunden und Geschäftspartnern an der Nachhaltigkeit von Produkten und Dienstleistungen, ohne großen Mehraufwand für sich als Qualitätsstandard zu etablieren. Außerdem bereiten sie sich dadurch schrittweise auf die zunehmenden gesetzlichen, organisatorischen und gesellschaftlichen Anforderungen an den Ressourcenschutz und Materialverbrauch vor, die zum Beispiel im Rahmen der Novelle des Kreislaufwirtschaftsgesetzes zur Umsetzung der Abfallrahmenrichtlinie der EU notwendig werden."

Welche Branchen müssen aus gesetzlicher, aber auch aus Sicht des Marktes, besonders schnell handeln, oder sind alle gleichermaßen betroffen?

Dr. Hans Meves: "Auf freiwilliger Basis über die Nachhaltigkeit ihres Wirtschaftens zu berichten, gehört für viele deutsche Unternehmen seit geraumer Zeit zum guten Ton. Seit des 2017 in Kraft getretenen CSR-Richtlinie-Umsetzungsgesetzes (CSR-RUG), sind die Anforderungen, Trends und Perspektiven der Nachhaltigkeitsberichterstattung deutlicher und präziser geworden.

Mit ihren Sets von Maßnahmenbereichen, Kriterien und Indikatoren bieten die verschiedenen Berichtsformate zur Nachhaltigkeit eine systematische Orientierung für eine qualitativ hochwertige und transparente Berichterstattung. Seit Inkrafttreten der CSR-Richtlinie im April 2017, sind große kapitalmarktorientierte Unternehmen sowie große Kreditinstitute und Versicherungen nun auch gesetzlich dazu verpflichtet, Informationen zu nichtfinanziellen Themen offenzulegen."

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