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Lösung für die Praxis

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  4. Lösung für die Praxis

Herr dos Santos, risikoorientiertes Denken hält zunehmend Einzug in der Industrie. Warum?

In der Automobilwirtschaft und auch in den Branchen für Investitions- und komplexe Konsumgüter haben Qualitätsprobleme in den vergangenen Jahren spürbar zugenommen. Die Gründe liegen in einem höheren Wettbewerbsdruck, in einer gestiegenen Anzahl von Software-Komponenten, komplexeren Wertschöpfungsketten und sich weiter verkürzenden Produkteinführungszeiten. Qualitätssicherung ist damit zu einem zentralen Punkt auf der Agenda des Top-Managements geworden.

Was sollte die Unternehmensleitung tun?

Das Management sollte innovative Qualitätsmanagement-Methoden anwenden. Einer Umfrage* der Unternehmensberatung A.T. Kearney zufolge meinen vier von zehn Führungskräften, dass Standard-Qualitätsmethoden ihre Wirksamkeit verlieren, fast die Hälfte (48 Prozent) hat eine Zunahme an Qualitätsproblemen in den vergangenen zehn Jahren beobachtet und rechnet mit einem weiteren Anstieg. Eine Antwort darauf sind Auditsysteme für eine Analyse und Validierung der Risiken im Unternehmen, wie zum Beispiel mit der RPAS-Methodik (risiko- und prozessorientieres Auditieren), die präventive Maßnahmen ermöglichen.

*A.T.Kearney, Qualität 4.0: Präventiv, holistisch und zukunftssicher
www.atkearney.de/documents/856314/11139816/Quality+4-Preventive+Holistic+Future-Proof_DEUTSCH_04.pdf/9c86d61c-1e48-49ab-9caf-7260f63994e0

Wie entstand die Idee zur Auditmethode RPAS?

Ich war viele Jahre in namhaften Unternehmen für das Qualitäts- und Risikomanagement verantwortlich. Danach habe ich meine beiden Firmen MCS und GUSKA gegründet und beschäftige heute 18 Mitarbeiter. Neben vielen anderen Dingen haben wir im Auftrag eines großen deutschen Autoherstellers Gewährleistungsansprüche auf die Fehlerursache hin analysiert. Dabei hat sich ergeben, dass Zulieferer häufig die kundenspezifischen Forderungen (Customer Specific Requirements CSR) nicht adäquat umgesetzt haben. Diese Untersuchung ist eine der Wurzeln, die zur Entwicklung der RPAS-Methodik geführt haben.

Einwirkung von kundenspezifischen Anforderungen auf die Prozesse (des Unternehmens)

Bevor wir uns die Methode im Einzelnen anschauen: Können Sie kurz zusammengefasst die Vorteile schildern?

Mit RPAS kann man besser als mit herkömmlichen Verfahren die Risiken in einem Unternehmen analysieren. Das Management hat damit die Chance, das Qualitäts-Managementsystem zu verbessern, die Kundenzufriedenheit zu erhöhen und letztendlich nachhaltig den Unternehmenserfolg zu steigern.

Wie lange wenden Sie die Methode schon an?

Wir haben in den letzten Jahren etwa 180 Audits vorwiegend in der Automobilindustrie durchgeführt. Zu unseren Kunden zählen Unternehmen wie ZF Friedrichshafen oder Continental. Von BMW haben wir kürzlich den Auftrag bekommen, alle Werke weltweit mit unserer RPAS-Methodik zu auditieren. Unser mittelständisches Unternehmen hat dafür nicht ausreichend Kapazitäten. Deshalb haben wir mit dem TÜV NORD eine Kooperation geschlossen, um RPAS-Auditoren auszubilden.

Was sind die Unterschiede zwischen einem klassischen Systemaudit und einem risikobasierten Ansatz wie RPAS?

Bei einem normalen Systemaudit spricht man in der Regel von Haupt- und Nebenabweichungen beziehungsweise Erfüllungsgraden. Mit der RPAS-Methodik werden sowohl die spezifischen Risiken eines Unternehmens als auch die branchenspezifischen sowie die kundenspezifischen Risiken in einem Audit betrachtet. Das Ergebnis wird in Form von Grafiken, der Risk Map, dargestellt, die einen Überblick über alle Risikokategorien gibt. Damit kann das Management schnell erkennen, wo es Optimierungspotenzial gibt und kann seine Ressourcen entsprechend einsetzen.

Wie gehen die Auditoren dabei genau vor?

Basis für die Anwendung von RPAS ist die Implementierung eines Qualitäts-Managementsystems, beispielsweise nach ISO 9001. Außerdem sollte das Unternehmen die branchenspezifischen Anforderungen umsetzen, im Fall der Automobilindustrie die IATF 16949 beziehungsweise die VDA 6.3. Im Prinzip werden bei dem RPAS ähnliche Untersuchungspunkte wie bei diesen Normen angewendet, aber sie werden wesentlich stärker vertieft und viel detaillierter danach bewertet, ob sie erfüllt sind oder nicht. Die Anforderungen, die nicht erfüllt sind, werden gemeinsam mit dem Kunden daraufhin analysiert, welche Gefahren daraus für das Unternehmen entstehen können. Die Gefahrenbereiche werden über Gewichtungsfaktoren, die wir aus unserer Auditerfahrung gewonnen haben, geclustert. Diese Risikofaktoren werden über mathematische Funktionen und Algorithmen in einer Risikomatrix dargestellt, so dass das Management rasch Hinweise darauf bekommt, wo die größten Schwachstellen im Unternehmen sind.

Auswertung eines IATF-RPAS-Audits in Form eines Balkendiagramms für den erreichten „Reifegrad“ (linke Seite) sowie die ermittelte „Risiken“ (rechte Seite)

Sie erwähnten die kundenspezifischen Anforderungen. Wieso spielen die kundenspezifischen Anforderungen im RPAS eine so wichtige Rolle?

Die kundenspezifischen Anorderungen haben mehrere Wechselwirkungen zu den verschiedenen Prozessen. Sie sind in den an die IATF 16949 angelehnten ‚Customer Specific Requirements’ (CSR) spezifiziert. Dadurch gibt es zusätzliche Mehranforderungen an Unternehmen, die in die internen Prozesse implementiert werden müssen. Einen Teil davon, nämlich die produktspezifischen Forderungen, erfüllen die meisten Firmen. 80 Prozent der Automobilzulieferer haben diese Vorgaben umgesetzt. Denn sie entwickeln ja ein Produkt oder eine Lösung, die dann von einem Autohersteller validiert und verifiziert wird.

Wo gibt es Probleme?

Die prozessspezifischen und systemspezifischen Anforderungen erfüllen die Unternehmen häufig nicht. Denn dabei geht es nicht um Entwicklungsthemen, sondern um Managementfragen und Prozessvorgaben. In vielen – vor allem kleineren – Zulieferbetrieben hat die Firmenleitung andere Sorgen, als sich darum zu kümmern, ob die kundenspezifischen Forderungen im Qualitäts-Managementsystem und deren Prozesse systematisch umgesetzt sind. Allerdings hat das Management mit dem Hersteller einen Vertrag geschlossen, in dem die kundenspezifischen Forderungen spezifiziert sind und Vertragsgegenstand sind. Hier liegt das größte Problempotenzial. Um die Risiken, die hier schlummern, aufzudecken, gibt es innerhalb von der RPAS-Methodik die CSR-Systematik, mit der die kundenspezifischen Forderungen analysiert, bewertet und den Prozessen zugeordnet werden können. Das System RPASTM ist zurzeit weltweit das einzige, welches den Auditoren und den Unternehmen dafür eine Lösung bietet.

Was prüfen die Auditoren bei CSR im Detail?

Zu CSR gibt es bei RPASTM sehr tiefgehende und detaillierte Zuordnungen zu den IATF Forderungen sowie entsprechende Risikofaktoren, die über die in der IATF 16949 formulierten Forderungen hinausgehen. Die Antworten lassen die Problembereiche und die potenziellen operativen Risiken im Unternehmen klar erkennen. Dazu werden zusammen mit den Fachleuten des auditierten Unternehmens Szenarien entwickelt, die bei negativer Entwicklung eintreten können. Daraus ergeben sich Risiken, die mit Gewichtungsfaktoren versehen und geclustert werden. Mit RPASTM ist es möglich, aufgrund der definierten Gewichtungsfaktoren entsprechende Berechnungsalgorithmen zu erstellen, damit die Risiko-Matrix die Risikosituation angemessen darstellt. Bezüglich CSR ist RPAS die einzige Methode, mit der Auditoren die Risiken prüfen und sichtbar machen können.

Welche weiteren Vorteile hat die RPAS-Methodik gegenüber klassischen Ansätzen?

Noch eine ganze Reihe. Zum Beispiel die Mind-set-Orientierung. Die Ergebnisse des RPAS-Audits werden in der „Sprache“ des Managements dargestellt. Die Risiken, die die Risk Map abbildet, bedeuten natürlich auch finanzielle Risiken für das Unternehmen. Wenn die Risiken beispielsweise so hoch sind, dass auf dem Spiel steht, ein ganzes Jahr kein EBIT zu erzielen, dann ist das existenzgefährdend. Dann muss das Management rasch handeln. Auf Basis der Matrix kann die Firmenleitung schnell erkennen, welche Gefahren am größten sind und welche Aktivitäten sie priorisieren sollte. Umgekehrt können bei einem geringeren Risikolevel finanzielle und andere Ressourcen frei werden, die für Investitionen genutzt werden können. Das ist ja der tiefere Sinn der Analysen und der Nutzen, den das Unternehmen daraus ziehen kann: eine zukunftsorientierte Strategie zu entwickeln. Im Vordergrund steht letztendlich, die richtigen Risiken anzugehen.

Welchen Nutzen kann das Management aus dem Auditbericht ziehen?

Mit den Diagrammen stellen wir die Ergebnisse des Audits grafisch dar. Bei der Abschlussbesprechung eines Audits zeigen wir erst einmal das Gesamtergebnis, dann schalten wir Schritt für Schritt die einzelnen Bubbles in der Darstellung hinzu und gehen Punkt für Punkt die Begründungen für die einzelnen Kategorien durch und erläutern, wo das Managementsystem und deren Prozesse im Unternehmen besonders gut oder vielleicht nicht so gut war, um dann zur Gesamtbewertung zu kommen. Die Firma weiß auf Basis der gewichteten operativen Risiken dann genau, welche Probleme besonders dringlich sind und kann Projekte für eine Verbesserung aufsetzen.

Wir sprachen bislang hauptsächlich über die Automobilindustrie. Kann das RPAS auch auf andere Branchen angewandt werden?

Natürlich, das ist grundsätzlich möglich. Das RPAS kann genauso in der Luftfahrt, in der Medizintechnik oder bei der Bahn angewandt werden. Voraussetzung ist die Einarbeitung der jeweiligen branchenspezifischen Anforderungen und die Identifizierung der Risiken.

Können die Unternehmen die RPAS-Methodik eigentlich auch selbst durchführen?

Ja, natürlich. Dafür ist es allerdings wichtig, dass Mitarbeiter sich das entsprechende Know-how aneignen. Dafür sollten sie sich bei der TÜV Nord Akademie zum Risiko-Qualitäts-Koordinator beziehungsweise zum Risiko-Qualitäts-Auditor ausbilden lassen.

Können Sie nochmals den Nutzen des RPAS kurz zusammenfassen?

Letztendlich ist die Produktqualität, egal um welches Produkt es geht, immer ein Spiegelbild der Prozessqualität. Wenn die Prozesse gut sind, dann ist auch das Produkt gut. Die Prozessqualität ist ein Spiegel der Systemqualität oder besser gesagt der Systemreife. Das System beziehungsweise die Systemreife ist ein Spiegelbild des Mind-sets, den das Management im Unternehmen vorlebt. Wir zeigen dem Management mit der RPAS-Methodik die Stellschrauben, mit denen das System optimiert werden kann. Damit hat die Unternehmensleitung ein Tool, mit dem das „Bauchgefühl“ des Managements für Schwachstellen im Unternehmen sehr grafisch, sehr aussagekräftig und auch reproduzierbar dargestellt werden kann, damit die Führung ihr Unternehmen langfristig nach vorne bringen kann, damit es Best in Class wird.

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Haben Sie Fragen?

Silke Liehr

Silke

TÜV NORD Akademie GmbH & Co. KG
Produktmanagerin Qualitätsmanagement
Am TÜV 1, 30519 Hannover

+49 511 998-62087
Fax: +49 511 998-62075

sliehr@tuev-nord.de

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