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Steckbrief

Björn Lengers: „Ich bin neugierig, die Themen unserer Zeit mit den Technologien von heute künstlerisch zu erforschen“

© Jörg Middendorf

11. April 2018

Virtual Reality sorgt in Computerspielen, Filmen oder der Kunst bereits für eine ganz neue Mittendrin-Erfahrung. Björn Lengers will mit seinen Mitstreitern die Möglichkeiten der künstlichen Realität auch für das Theater nutzbar machen. Statt nur in ihren Theatersesseln zu sitzen, können die Zuschauer zukünftig durch virtuelle Bühnenräume schlendern, den Avataren von Schauspielern begegnen oder gleich selbst in deren Rollen schlüpfen.

Name: Björn Lengers

Alter: 46

Beruf: Kaufmann

Website: vtheater.net

Was sind die „CyberRäuber“?
Zusammen mit meinem Kollegen Marcel Karnapke sind wir eine freie Theatergruppe, die klassisches Theater mit den neuen digitalen Medien wie den virtuellen Realitäten verknüpfen wollen.

Anders als etwa im Kino ist man im Theater zwar nicht mittendrin, aber dichter dran und befindet sich im selben Raum mit realen Schauspielern. Welche neue Perspektiven und Erfahrungen kann die virtuelle Realität hier eröffnen?
Wir arbeiten in zwei Richtungen: Wir wollen Theater in die VR und VR ins Theater bringen. Auf der Bühne und in Theaterproduktionen ermöglichen VR und AR (Augmented Reality) vor allem den Zugriff auf verschiedenste digitale Welten, zum Beispiel absurde Bühnen, neuronale Netze in Echtzeit, Schauspiel-Avatare.

„Wir wollen Theater in die VR und VR ins Theater bringen.“

Björn Lengers

Was kann VR vom Theater lernen?
Sehr viel! Beides sind im Grunde räumliche Medien, und Theater weiß seit einigen Tausend Jahren, wie man Geschichten im Raum erzählt, wie man Spannung und Fokussierung lenkt. Davon abgesehen hat das Theater Unmengen an großartigen Stoffen und klassischen Erzählungen, verfügt über wunderbare Schauspielerinnen und Schauspieler und kluge und talentierte Mitarbeitende allerorten, die etwas zu sagen haben.

Wie kann das Theater von VR profitieren?
Durch die Erweiterung der klassischen Bühne durch neue digitale Themen und nicht zuletzt durch eine potenziell sehr große Ausweitung seines Publikums. Deutsches Stadttheater hat nur wenige Millionen Zuschauer, aber nahezu jeder hat heute ein Smartphone, das mit der ganzen Welt vernetzt ist und über eine Grafik-Power verfügt, die wir vor fünf Jahren kaum für möglich gehalten hätten. Da müssen und können wir ran.

Die größte Herausforderung ist …
… Theaterhäuser und Künstler mit auf den Weg in die Digitalisierung zu nehmen. Einige haben es sich sehr in Techno-Dystopien bequem gemacht – nach dem Motto „Wir erklären den Menschen, was schlimm an der Digitalisierung ist; ansonsten spielen wir irgendwas von Tschechow oder Schiller“. Ich vermisse die Neugier, die Themen unserer Zeit mit den Technologien von heute künstlerisch zu erforschen. Und dann die Planungshorizonte: Wir reden gerade über Projekte in 2020, während gleichzeitig jeden Tag fundamentale Entwicklungen in VR und AR oder im Bereich der künstlichen Intelligenz passieren. Ein ziemlicher Spagat.

VR wird in fünf Jahren …
… in unterschiedlichen Formen zur Alltagstechnologie gehören.

Im Berufsalltag leiten Sie ein Unternehmen für Datenanalyse. Wie kommt man von dort zum virtuellen Theater?
Die verbindenden Elemente sind die Digitalität und das Interesse für kreative und konkrete Lösungen. Die Triebkräfte stellen die Leidenschaft fürs Theater und die Kunst sowie die Erkenntnis dar, dass die Theater mit den Zukunftstechniken, die unsere Gesellschaft und das Leben von uns Menschen nachhaltig beeinflussen werden, noch nicht viel anzufangen wissen.

Wird ein Roboter eines Tages Ihre Arbeit übernehmen?
Sicherlich große Teile, vor allem in der Datenanalyse. Dadurch bleibt mehr Zeit fürs Zwischenmenschliche, für die Kunst.

Welches digitale Produkt muss erst noch erfunden werden?
Echte Hologramme (also ohne VR-/AR-Brille).

Auf welches können Sie verzichten?
Fitness-/Health-Tracker.

Welche technische Anwendung wird auch Ihnen immer ein Rätsel bleiben?
Facebook, aber das ist ja auch so gedacht …

Wann waren Sie das letzte Mal 24 Stunden offline?
2014.

Nehmen Sie das Handy mit ins Bett?
Da es mein Wecker ist: ja.

Die Serie „Steckbrief“ ist ein neues Format von #explore: Hier wollen wir regelmäßig spannende und inspirierende Menschen aus der digitalen Szene zu Wort kommen lassen: Forscher*innen, Blogger*innen, Start-up-Gründer*innen, Unternehmer*innen, Hacker*innen.