Zum Inhalt springen

Erneuerbare Energien

Der Strom liegt auf der Straße – und darunter

Von Solardächern, Straßenkraftwerken und Stromradwegen.

Eine lebendige Stadtlandschaft bei Nacht, die komplexe Autobahnkreuzungen und beleuchtete Gebäude zeigt. Die Straßen sind von Lichtern der Fahrzeuge erhellt, und der Hashtag "#explore" ist oben rechts im Bild zu sehen.

22. Januar 2026

Um die Energiewende voranzubringen, brauchen wir immer mehr erneuerbaren Strom. Aber wie wäre es, wenn wir für die Energieproduktion bereits versiegelte Flächen nutzen würden – zum Beispiel unser Straßennetz, das sich auf Hunderttausenden Kilometern über die Landschaft ausbreitet? Wir stellen interessante Ansätze zur klimafreundlichen Doppelnutzung vor.

24. November 2025. Großer Bahnhof am Hamburger Hafen: 150 Gäste aus Politik, Hafenwirtschaft und Industrie haben sich auf dem Gelände des Container-Service-Betriebs versammelt, um die Weltpremiere des Road Energy Production System zu feiern. Dieses Straßenkraftwerk hat das österreichische Start-up REPS entwickelt. Die zwölf Meter lange Anlage besteht aus Stahlplatten, die in den Asphalt eingelassen sind. Fahren Lkw darüber, drücken sie die Platten nach unten. Dieser Druck wird durch ein hydraulisches System an eine Magneteinheit übertragen, die elektrische Energie erzeugt – ohne weitere Flächen zu versiegeln. 16 Lkw-Überfahrten erzeugen etwa eine Kilowattstunde Strom. Das klingt überschaubar. Doch würden die Straßenkraftwerke großflächig im Hafen installiert, ließen sich nach den Berechnungen des Start-ups bis zu zehn Prozent des dortigen Energiebedarfs decken und die CO2-Emissionen des Hafens in ähnlicher Höhe senken.

Das Pilotprojekt soll nun ermitteln, ob sich das System auch im Dauerbetrieb in der Praxis bewährt. Die internationale Aufmerksamkeit ist bereits da. Dem Unternehmen zufolge haben 40 weitere Häfen Interesse an dem Straßenkraftwerk angemeldet. Abseits von Häfen könnte das System aber auch überall dort installiert werden, wo viele Lkw nicht allzu schnell unterwegs sind, etwa an Mautstellen oder Ein- und Ausfahrten. 2026 will REPS die Serienproduktion starten, weitere Pilotanlagen sind geplant, unter anderem im Hafen von Barcelona und in einem Logistikzentrum in Bologna.

Energiepflaster für Straßen

Das Road Energy Production System ist jedoch beileibe nicht der erste Versuch, Straßen in Energiequellen zu verwandeln. 2011 machten sich der französische Baukonzern Colas und das französische Institut für Sonnenenergie (INES) daran, einen Solarbelag für Straßen zu entwickeln. Die Vision: 1.000 Straßenkilometer sollten mit Solarzellen unterfüttert werden, um damit die Straßenlampen für rechnerisch fünf Millionen Französinnen und Franzosen zu betreiben.

Der Praxistest in der normannischen Gemeinde Tourouvre au Perche fiel allerdings ernüchternd aus: Der 2016 eröffnete Wattway lieferte weniger Strom als erwartet. Der Belag hielt zudem Verkehr und Witterung nicht stand und erzeugte so laute Abrollgeräusche, dass die Gemeinde die Höchstgeschwindigkeit senken musste.

Tot ist die Idee damit nicht – doch sie hat sich von der Straße auf Parkplätze und Radwege verlagert. Wattway hat über die Jahre sein Solarpflaster sukzessive verbessert und nach eigenen Angaben mittlerweile weltweit bereits 40 Solarradwegprojekte umgesetzt, diverse davon in den Niederlanden. Die bislang größten ihrer Art wurden 2023 in den Provinzen Nordbrabant und Nordholland eingeweiht. Ihre Widerstandsfähigkeit, die Effizienz und die Wirtschaftlichkeit werden nun von Fachleuten bewertet, die Ergebnisse der Langzeituntersuchung sollen 2028 vorliegen.

Ein blauer LKW transportiert einen roten Container über eine Brücke. Im Hintergrund ist ein Hafen mit Containerschiffen und Kränen zu sehen. Die Szene vermittelt Bewegung und industrielle Aktivität.
Wie effizient sind Straßenkraftwerke? Start-ups und die Forschung testen in Pilotprojekten, wie viel Strom Lkw über in den Boden eingebaute Technik erzeugen können. Copyright: Adobe Stock

Photovoltaik auf Stelzen

Wie sich Sonnenenergie auch über der Straße produzieren lässt, das wird aktuell auf einem Zubringer zum Flughafen München erprobt: Eine PV-Anlage auf Stelzen überspannt hier seit August 2025 alle vier Fahrspuren. Das 35 Meter lange Solardach soll genug Strom erzeugen, um den Jahresbedarf von 70 Haushalten zu decken – und das fast ohne Flächenverbrauch. Ein durchaus gewünschter Nebeneffekt: Es schützt die Fahrbahn vor starker Sonneneinstrahlung und dürfte so ihre Dauerhaftigkeit erhöhen.

Das 4,2 Millionen Euro teure Solardach soll Erkenntnisse liefern, ob sich Sonnenstrom auf diese Weise sinnvoll und praktikabel erzeugen lässt. Was jetzt schon klar ist: Flächendeckend werden deutsche Autobahnen sicher nicht überdacht. Denn die Stelzen müssen selbstverständlich auch Unfällen widerstehen. Das macht den Unterbau teuer und einen Großteil der Mehrkosten gegenüber einer herkömmlichen Solaranlage aus.

Laut den Fachleuten des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme (ISE), die an den Solardächern forschen, bieten sich vor allem kleinere Anlagen an. Insbesondere an Orten, an denen der Strom direkt genutzt werden kann, beispielsweise an Mautstellen oder Tunneln. Oder auf Autobahnraststätten wie Hegau-Ost an der A81 in Baden-Württemberg, wo seit 2023 ein erster Solardachdemonstrator grünen Strom produziert.

Unten trocken, oben Strom

Eine interessante Alternative sind PV-Dächer für Radwege. Denn die schlankere Konstruktion senkt die Kosten und schützt Radfahrende zugleich vor der Witterung. Eine Option insbesondere für Großstädte, wo Freiflächen für die Stromproduktion rar und teuer sind.

Der deutschlandweit erste Radweg mit PV-Dach überspannt seit 2023 eine rund 300 Meter lange Strecke an der Messe Freiburg. Der Strom, den das Dach produziert, versorgt die Labore des angrenzenden Fraunhofer ISE, welches das Pilotprojekt zusammen mit der Stadt Freiburg und dem Energieversorger Badenova auf den Weg gebracht hat.

Rund eine Million Euro haben die Partner in das Projekt gesteckt. Das ist gerade mal ein Viertel des ähnlich leistungsstarken Straßendachs am Flughafen München – aber immer noch das Doppelte einer herkömmlichen Dachanlage von vergleichbarer Größe. Wirtschaftlich ist der PV-Dach-Radweg damit nicht. Mit den gesammelten Erfahrungen sollen die Kosten bei zukünftigen Projekten weiter gesenkt werden.

Ein roter Fahrradweg mit einem weißen Fahrradsymbol führt über eine Kreuzung. Im Hintergrund sind Radfahrer und städtische Gebäude zu sehen. Die Szene ist bei Tageslicht aufgenommen.
Auch herkömmliche Radwege könnten künftig Strom generieren. Etwa, indem PV-Dächer verbaut werden, die die Radfahrenden gleichzeitig vor der Witterung schützen. Copyright: Adobe Stock

PV-Potenzial auf Wänden und Wällen

Günstiger wäre es aber, die Lärmschutzwände und -wälle an den deutschen Fernstraßen mit Solarzellen auszustatten. Rein rechnerisch ließe sich auf diese Weise Strom für rund 1,2 bis 1,8 Millionen Haushalte erzeugen, so eine Analyse der Bundesanstalt für Straßen- und Verkehrswesen (BASt). Pilotprojekte an Lärmschutzwänden wurden in Bayern bereits bei Aschaffenburg und Neuötting realisiert. Das Fraunhofer ISE arbeitet außerdem bereits an Modulen, die sich in bestehende Wände integrieren lassen und dabei ihrer Hauptaufgabe noch besser nachkommen – den Straßenlärm zu dämpfen.

Randphänomen mit wachsender Bedeutung

Noch mehr PV-Potenzial bieten die Randstreifen der Autobahnen und Bundesstraßen. Wird es ausgeschöpft, könnten laut der BASt-Analyse zwischen acht und 16 Millionen Haushalte mit Sonnenstrom vom Straßenrand versorgt werden. Schon heute ist Photovoltaik an der Autobahn kein Randphänomen mehr. Seit 2023 sind Solarparks dort baurechtlich privilegiert, wenn sie innerhalb eines 200 Meter breiten Streifens vom Fahrbahnrand installiert werden, was die Genehmigungsverfahren erheblich beschleunigt.

Im vergangenen Jahr hat beispielsweise der Energieversorger RWE an der A44n in Nordrhein-Westfalen mehrere große Solarparks in Betrieb genommen. Eine Erweiterung ist bereits geplant. Vieles spricht also dafür, dass zunächst die niedrig hängenden PV-Früchte an unseren Straßen abgeerntet werden – bis dann eines Tages vielleicht auch die große Stunde der Photovoltaikradwege und Solardächer schlägt.

Entdeckt. Erklärt. Erzählt.

Der Podcast von #explore
Alle Podcast-Folgen von Entdeckt. Erklärt. Erzählt.

Folge #47

Wie lässt sich mit Wasserstoff die Energiewende umsetzen, Carsten Gelhard?

Folge #24

Mobilität der Zukunft: Welcher Antrieb setzt sich durch? - Teil 1

#explore - Das Online-Magazin von TÜV NORD

Dies ist ein Artikel von #explore. #explore ist eine digitale Entdeckungsreise in eine Welt, die sich in rasantem Tempo wandelt. Die zunehmende Vernetzung, innovative Technologien und die alles umfassende Digitalisierung schaffen Neues und stellen Gewohntes auf den Kopf. Doch das birgt auch Gefahren und Risiken: #explore zeigt einen sicheren Weg durch die vernetzte Welt.