Gute Frage, nächste Frage
Von Prismen, Nadeln, Säulen und Sternen.

08. Januar 2026
In Zeiten des Klimawandels wird Schnee auch in unseren Breiten immer mehr zur Rarität. Doch unabhängig von der Erderwärmung gilt jede Schneeflocke als etwas Besonderes. Mehr noch: als etwas Einzigartiges. Was den pudrigen Niederschlag zu echten Unikaten macht.
Schneekristalle sind mikroskopische Meisterwerke der Natur: Manche erinnern an Sterne mit fein verästelten Armen, andere an geometrisch gedachte Blütenblätter, einige an die Fenster gotischer Kathedralen. Sie alle bestehen aus winzigsten Eispartikeln. Will man die Frage nach ihrer Einzigartigkeit beantworten, muss man sich anschauen, wie sie entstehen.
Grundsätzlich können sich die Eiskristalle in den Wolken auf zwei unterschiedliche Weisen bilden: Entweder gefriert reiner Wasserdampf direkt zu Eispartikeln. Dazu muss es in den Wolken aber sehr kalt sein – und zwar antarktische minus 40 Grad.
Bei wärmeren Bedingungen und in der Regel bilden sie sich dagegen um einen Kristallisationskeim: winzige Staubkörnchen oder Aschepartikel, an denen die Wassermoleküle in der Wolke andocken. Dabei bilden sie sechseckige Gitter und schließlich sechseckige Eisplättchen, die lediglich einen Zehntel Millimeter groß sind. Der Grund für diesen ausgeprägten Hang zum Sechseck: Nur in dieser Form können sich die Wassermoleküle effizient zu einem Kristall anordnen.
An den Ecken des Kristalls gefrieren weitere Wasserteilchen – er wächst. Abhängig von der Temperatur und der Luftfeuchtigkeit in den Wolken bilden die Kristalle unterschiedliche Formen aus: Nadeln, Prismen, Säulen oder Sterne. Je höher der Wasserdampfgehalt in der Luft, desto komplexer ihre Struktur, desto filigraner verästeln sich ihre Arme, wie der japanische Physiker und Schneeforschungspionier Ukichiro Nakaya bereits in den 1930er-Jahren herausgefunden hat.
Da kein Eiskristall exakt den gleichen Weg durch die Wolken nimmt, wachsen sie alle unterschiedlich. Da aber alle Ecken und Arme eines Kristalls zur gleichen Zeit den gleichen Umgebungsbedingungen ausgesetzt sind, ähneln die Arme einander: Sie sehen oft sehr symmetrisch aus – identisch sind sie nicht.
Die Kristalle verbinden sich zu größeren Kristallen. Irgendwann sind sie so groß und schwer, dass sie hinunter zur Erde taumeln. Liegen die Temperaturen um den Gefrierpunkt, können sie während des Fallens mit anderen Kristallen zusammenstoßen und sich zu Schneeflocken zusammenballen.
Bis zu drei Stunden sind sie bis zum Boden unterwegs. Auf ihrer Reise wachsen die Kristalle weiter, durchqueren unterschiedliche Temperatur- und Luftfeuchtigkeitszonen und werden so fortwährend verändert, sprich: weiter individualisiert.
Wenn sie schließlich auf unseren Straßen, Dächern und Mützen landen, besteht ein ausgewachsener und durchschnittlicher Eiskristall bereits aus einer Trillion Wassermolekülen – eine Zahl mit 18 Nullen. Die Zahl der Varianten, in der sich diese Moleküle miteinander zu einem Kristall verbinden können, ist damit größer als die Zahl aller Atome im Weltall. Das macht es quasi unmöglich, dass jemals zwei identische Schneekristalle auf die Erde herabgerieselt sind.
Ähnlich sehen sich Kristalle freilich schon. Das liegt an ihrer sechseckigen Grundstruktur, die sich in den sechs Armen wiederfindet. Schneeforschende wie Nakaya begannen daher, die verschiedenen Formen von Schneekristallen zu kategorisieren: 42 Grundformen machte der japanische Wissenschaftler aus. Bis in die 1960er-Jahre entdeckten seine Nachfolgenden noch einmal so viele. Jüngere Forschungen aus dem schneeaffinen Japan kommen gar auf 121 Kristalltypen.
Doch trotz aller Vergleichbarkeit: Der einzelne Schneekristall bleibt einzigartig. Und je genauer man sie unterm Elektronenmikroskop betrachtet, desto mehr Besonderheiten und individuelle Unterschiede kann man zwischen den filigranen Meisterwerken entdecken.
Die kleinen Unikate sind auch der Grund, warum es knirscht, wenn wir durch den Schnee stapfen: Sind sie erst einmal gelandet, verbinden sich die Eiskristalle auf dem Boden mit benachbarten Flocken. Laufen wir darüber, brechen diese Verbindungen. Je kälter es ist, desto härter die Kristalle und desto lauter das Knirschen.
Auch die weiße „Farbe“ des Schnees verdankt sich den vielseitigen Kristallen. Zwar ist Eis von Natur aus durchsichtig. Aber die unzähligen Ecken, Kanten und Arme der einzelnen Eiskristalle wirken wie winzige Spiegel: Sie reflektieren das Licht und streuen es in alle Richtungen.
Frisch gefallener Schnee reflektiert bis zu 95 Prozent des Sonnenlichts, mehr als jede andere Oberfläche in der Natur. Je älter der Schnee wird, desto stumpfer werden die Spiegel. Aber das Weiß bleibt – bis sich Staub auf den Schnee legt oder es taut und die mikroskopischen Meisterwerke wieder zu Wasser zerrinnen.
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