Raumfahrt
Welche Vorteile modulare Satelliten bieten und wie sie entwickelt werden.

05. Februar 2026
Beim Stichwort „Raumfahrt“ denkt man sicher nicht zuerst an die Slowakei. Dabei ist die Weltraumindustrie dort in den letzten Jahren erheblich gewachsen. Nun treibt das Land sein wohl ambitioniertestes Raumfahrtprojekt voran: die Entwicklung einer modularen Satellitenplattform, die sich für unterschiedlichste Missionen nutzen lässt. Pavla Dohanyosova und ihr Team von ALTER, Tochter der TÜV NORD GROUP, sind maßgeblich am Stephanik-Projekt beteiligt.
Als Astronom erforschte er Sonnenfinsternisse auf Forschungsreisen nach Tonga, Tahiti und auf die Galapagosinseln. Als Pilot kämpfte er im Ersten Weltkrieg gegen das Deutsche Reich. Als Diplomat warb er für die Auflösung von Österreich-Ungarn – und wurde zu einem der Gründungsväter der Tschechoslowakei: Was Milan Rastislav Štefánik in seinen gerade einmal 38 Lebensjahren tat und bewegte, das reicht für viele Leben.
Denkmäler in Bratislava, Prag und anderen Städten der ehemaligen Tschechoslowakei erinnern an Štefánik, auch ein Asteroid wurde nach ihm benannt. Nun, gut 100 Jahre nach seinem Tod im Jahr 1919, wird der Forscher, Flieger und Politiker zum Namenspaten des ambitioniertesten Raumfahrtprojekts der Slowakei. „Seine Fähigkeit, Wissenschaft, Technik und Diplomatie zu vereinen, spiegeln den Geist der Innovation und Zusammenarbeit wider, der das Stephanik-Projekt antreibt“, erklärt Pavla Dohanyosova, Projektmanagerin bei ALTER.
Ziel des Projekts, an dem Institutionen, Unternehmen und Forschungseinrichtungen aus der Slowakei, Spanien und Deutschland beteiligt sind, ist die Entwicklung einer modularen Satellitenplattform von über 150 Kilogramm Gewicht, die sich flexibel für unterschiedliche Einsatzzwecke nutzen lässt.
Auf seiner ersten Mission soll der Satellit für Sicherheit im Orbit sorgen, also etwa das Weltraumwetter im Blick behalten, das durch Sonnenstürme oder kosmische Strahlung Kommunikations- sowie GPS-Satelliten stören oder schädigen kann. Zusätzlich wird die Überwachung von Weltraumobjekten in seinen Aufgabenbereich fallen. Er wird umherschwirrenden Weltraumschrott und andere Satelliten beobachten, damit diese drohenden Kollisionen ausweichen können. Dank ihres Baukastenprinzips kann die Satellitenplattform aber auch problemlos zur Telekommunikation, zur Erprobung neuer Technologien oder zur Erdbeobachtung genutzt werden, etwa um Daten für Wettervorhersagen oder Klimaforschung zu sammeln.

Denn darin liegen die Vorteile eines solchen modularen Systems. Statt jedes Mal einen komplett neuen Satelliten zu bauen, können die Bausteine etwa für den Antrieb wiederverwendet und neu kombiniert werden, sodass sich das Fluggerät ohne großen Aufwand auf unterschiedliche Zwecke anpassen lässt. Das reduziert Zeit und Kosten für Entwicklung und Produktion. Komponenten lassen sich im Orbit austauschen oder aufrüsten, was die Lebensdauer des Satelliten verlängert und zugleich Weltraumschrott vermeidet. „Da jedes Modul unabhängig beschafft, getestet oder aktualisiert werden kann, ist der Satellit auch weniger anfällig für Verzögerungen in der Lieferkette“, erläutert Dohanyosova. Treten Engpässe auf, können Lieferanten einfach gewechselt und Komponenten gegen Alternativen getauscht werden, ohne den geplanten Start zu verzögern.
Die Slowakei will sich mit Stephanik endgültig als relevanter Akteur in der wachsenden Weltraumwirtschaft etablieren, die nach Einschätzung der EU bis 2035 ein Volumen von rund 1,6 Billionen Euro weltweit erreichen dürfte. Gesamteuropäisch schaffe das Projekt Erfahrungen im Bau modularer Satelliten und stärke die Unabhängigkeit der EU in der Raumfahrt, so Dohanyosova. Elementar in Zeiten, in denen die transatlantische Partnerschaft fundamental infrage steht.
Die Entwicklung eines modularen Satelliten kommt aber natürlich nicht ohne spezifische Herausforderungen daher: Die Teilsysteme etwa für die Energieversorgung, die Lage- und Bahnsteuerung müssen harmonisiert, also so aufeinander abgestimmt werden, dass sie jederzeit effizient zusammenarbeiten, auch wenn sich einzelne Module im Satellitenbaukasten ändern. „Jedes Teilsystem muss unabhängig arbeiten und einzeln getestet werden können, was eine strenge Standardisierung der Schnittstellen bereits in einer frühen Phase des Designprozesses erfordert“, erklärt Dohanyosova.
Bei der Bewältigung dieser Herausforderungen spielen sie und ihr Team eine maßgebliche Rolle. „Wir übernehmen einen der größten Anteile an der technischen Arbeit, koordinieren zwei technische Arbeitspakte und gewährleisten, dass das gesamte Projekt den internationalen Standards für Sicherheit und Nachhaltigkeit entspricht.“

Nachhaltigkeit spielt nämlich bei Stephanik eine zentrale Rolle. Das Projekt ist der „Zero Debris Charta“ der Europäischen Raumfahrtagentur ESA verpflichtet, will also mit seinen Satelliten keinen weiteren Weltraumschrott im Orbit hinterlassen. Um dieses Ziel zu erreichen und die Weichen auf Müllvermeidung zu stellen, müssen Dohanyosova und ihre Kolleginnen und Kollegen diverse Aspekte durchdenken: angefangen bei der Auswahl des Materials und der Trägerrakete bis hin zu den Fragen, wie sich mögliche Kollisionen im All verhindern lassen und wie der Satellit am Ende seines Lebens kontrolliert aus dem Orbit in die Erdatmosphäre gelenkt werden kann, um dort zu verglühen.
Dohanyosova und ihr ALTER-Team aus rund zwanzig Expertinnen und Experten unterschiedlicher Fachbereiche unterstützen aber auch bei der Auswahl von Testverfahren und Komponenten, um sicherzustellen, dass alle Teile des Baukastensatelliten den extremen Bedingungen im Weltraum gewachsen sind. Diese Prüfungen sind das Spezialgebiet der Fachleute von ALTER, die ihre Expertise bereits in zahlreichen Missionen von ESA und NASA eingebracht haben.
Dohanyosova selbst übernimmt bei dem Projekt zwei Hauptaufgaben. Einerseits koordiniert sie das Team von ALTER, andererseits leitet sie das Arbeitspaket „Design & Konzept“. Sie überwacht die Designentwicklung, stellt sicher, dass die technische Arbeit planmäßig voranschreitet und die Ergebnisse im Einklang mit dem Projektziel stehen.
Diverse Beteiligte aus unterschiedlichen Ländern und Disziplinen zu koordinieren ist hochkomplex. „Aber gerade die Kombination aus technischen Herausforderungen, internationaler Zusammenarbeit und Wissenstransfer ist das, was diese Arbeit für mich so spannend und lohnend macht“, sagt Dohanyosova.
Die erste Projektphase ist weitestgehend abgeschlossen. In der nächsten Phase wird das Satellitenkonzept in Machbarkeitsstufen weiter durchleuchtet und verfeinert. Es ist also noch einiges zu tun, bis Stephanik seinem Namenspaten zahlreiche Denkmäler im Orbit setzen wird, die mit über 25.000 Stundenkilometern unseren Blauen Planeten umkreisen.
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