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NeurowissenschaftLost in Navigation

28. Juli 2022

Auf vielen unserer Wege lotsen uns heute Google Maps und Konsorten ans Ziel. Fällt die Internetverbindung aus, fühlen wir uns schnell verloren. Kommt uns über die Navi-Apps der Orientierungssinn abhanden? Nicht wirklich – wir können ihn sogar wieder trainieren.

 

Die Älteren unter uns mögen sich noch erinnern: Es gab einmal eine Zeit – vor vielleicht 15 Jahren –, in der man sich auf dem Weg durch die Stadt oder in den Urlaub an Karten aus Papier orientieren musste. Heute bringen uns Google Maps und Co. zur Arbeit, zum Bahnhof, zur neuen Zahnärztin oder dem Treffen mit Freunden am Abend. Aber was bedeutet es für unseren Orientierungssinn, wenn wir ihn an die Apps auslagern? Geht er uns dabei verloren?

Jein, sagt der Neurowissenschaftler Simon Eickhoff, Leiter des Instituts für Systemische Neurowissenschaften an der Universität Düsseldorf. Denn einen Orientierungssinn in der eigentlichen Bedeutung des Wortes gibt es nicht. Körpereigene Sinne wie Hören, Riechen, Schmecken werden weder besser noch schlechter, wenn man sie öfter oder seltener benutzt. „Orientierung ist dagegen eine kognitive Fähigkeit – also eine Frage der Übung“, erklärt der Experte. Wir können sie also verbessern oder verlernen. Zumindest zum Teil. Denn mit der Orientierung ist es wie mit dem Radfahren oder dem Tennisspielen. Haben wir es eine Zeit lang nicht gemacht, können wir es zwar nach wie vor. „Aber es fällt uns schwerer, weil eben die Übung fehlt“, erläutert der Neurowissenschaftler.

 

Wie wir uns orientieren

Die Forschung unterscheidet dabei zwei Arten, wie sich Menschen orientieren. „Zum einen prägen sich Wege anhand von Landmarken ein, also zum Beispiel anhand von besonderen Gebäuden“, berichtet Eickhoff. Andere orientieren sich auf der Grundlage einer mentalen Karte. „Manche mögen zwar das Gefühl haben, nur die eine oder andere Variante der Orientierung zu beherrschen. Doch dieser Eindruck trügt“, sagt der Neurowissenschaftler. „Grundsätzlich kann jede und jeder beide Strategien nutzen.“

Wer sich dabei bevorzugt auf welche Art orientiert, ist eine Frage von Veranlagung und individueller Prägung: etwa, wie uns als Kind der Schulweg beigebracht wurde. Einige Studien deuten darauf hin, dass Frauen sich eher an Landmarken orientieren und insgesamt etwas schlechter navigieren als Männer. Allerdings: Während in Ländern wie Saudi-Arabien die Unterschiede deutlicher ausfielen, waren sie in Skandinavien praktisch nicht existent. Die These der Forschenden: Je größer die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern, desto stärker haben Frauen auch die Gelegenheit, ihre Orientierungsfähigkeit anzuwenden und sie so zu trainieren.

 

Unser Lebensumfeld prägt unsere Orientierung

Auch der Ort, an dem wir leben und aufwachsen, hat offenbar Einfluss auf unser Orientierungsvermögen. Das legen die Ergebnisse einer groß angelegten Studie mit 400.000 Teilnehmenden aus 38 Ländern nahe: Menschen, die auf dem Land oder in Städten europäischen Zuschnitts wohnen, schnitten deutlich besser ab als jene, die in Städten mit gitterartigen Straßensystemen leben, wie sie etwa in den USA verbreitet sind. „Wer in solchen Städten dann auch überwiegend mit dem Auto unterwegs ist, hat natürlich viel weniger Herausforderungen, also auch weniger Übung als jemand, der zu Fuß oder mit dem Fahrrad durch die verwinkelten Straßen europäischer Innenstädte navigiert“, erklärt Neurowissenschaftler Eickhoff.

Je komplexer die Umgebung, desto besser also der Orientierungssinn? Nur in der Tendenz, schränkt der Experte ein. „Die interindividuellen Unterschiede sind viel größer als die systematischen“, sagt Eickhoff. Sprich: Frauen aus Los Angeles können ohne Weiteres erheblich besser navigieren als Männer aus Rom oder dem Odenwald, wenn sie beispielsweise die entsprechende Veranlagung mitbringen, aus einer orientierungsfreudigen Familie kommen oder sich in Alltag oder Job viel orientieren müssen.

 

Wie wir unseren Orientierungssinn trainieren

Was auf den eigenen Orientierungssinn letztlich den größten Einfluss hat, das ist schwer zu sagen. Denn mit der Orientierung ist es wie mit anderen Fähigkeiten: Wenn mir etwas leichtfällt, werde ich es tendenziell gerne und öfter machen, da ich dabei Erfolgserlebnisse sammele. „Jemand, der schon einen guten Orientierungssinn hat, wird auch häufiger das Navi auslassen und so ganz nebenbei seine Kompetenz trainieren“, so Eickhoff.

Wer seinen Orientierungssinn wirklich verbessern will, sollte es ähnlich angehen, empfiehlt der Experte. Also immer mal wieder auf die App verzichten. Den täglichen Weg zur Arbeit ohne Navi zu fahren bringt dabei allerdings wenig: „Denn Wege, die wir regelmäßig nehmen, sind im Gedächtnis verankert.“ Wir finden sie daher im Zweifelsfall auch im Schlaf. „Um die eigene Orientierung tatsächlich zu üben, muss man sich in neue Situationen bringen“, erklärt der Experte. Sich also über bislang unbekannte Routen oder in fremden Städten oder Vierteln den Weg an sein Ziel suchen. „Entweder mit einer Karte oder man wirft vorab einen Blick auf die Navi-App und versucht, sich die Straßensituation einzuprägen und den Weg dann selber zu finden“, rät Eickhoff. Von Zeit zu Zeit auf die App zu schauen, ob man ungefähr auf der richtigen Spur ist, schade dem Orientierungstraining dabei nicht.

Den Weg zu einem dringenden Termin sollte man allerdings nicht unbedingt für einen Trainingslauf nutzen. „Denn Stress ist immer schlecht für die kognitive Performanz“, sagt der Neurowissenschaftler. Stresshormone trimmen uns auf körperliche statt auf geistige Höchstleistungen. Ein evolutionäres Erbe der Steinzeit, als es etwa galt, vor dem Säbelzahntiger zu fliehen oder gegen ihn anzutreten. „Dieselbe Biochemie haben wir immer noch in uns, ist aber jetzt nicht mehr so hilfreich“, so Eickhoff. Kaum überraschend also, dass selbst Menschen mit guter Orientierung in Stresssituationen vom Weg abkommen.

 

Was wir den Apps nicht abnehmen können

Eickhoff selbst ist zu Fuß oder auf dem Fahrrad fast immer ohne App unterwegs. Manchmal mit, manchmal ohne Papierkarte. Außer im Auto. Da hat auch er meist das Navi eingeschaltet: „Google Maps und andere Dienste bieten uns ja etwas, das wir selbst beim besten Willen nicht übersehen können – die aktuelle Verkehrslage.“ Denn wo sich heute auf dem Weg zur Arbeit oder in den Urlaub der dickste Stau gebildet hat und wie wir ihn am besten umfahren, das übersteigt auch einen austrainierten Orientierungssinn.

 

ZUR PERSON

Simon Eickhoff leitet das Institut für Systemische Neurowissenschaften an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf und das Institut für Neurowissenschaften und Medizin am Forschungszentrum Jülich. Schwerpunktmäßig beschäftigt sich der Neurowissenschaftler mit der Frage, wie sich das menschliche Gehirn interindividuell unterscheidet – also was uns im Gehirn in unseren Fähigkeiten, Eigenschaften und Schwächen einzigartig macht.

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