MENU
Nachhaltigkeit

Sechs alternative Materialien aus Milch, Pilzen und Gemüseresten

© BIO-LUTIONS

29. April 2021

Es muss nicht immer Plastik, Leder oder Baumwolle sein: Immer mehr Start-ups und Unternehmen setzen auf umweltfreundlichere Alternativen – und entdecken dabei die Potenziale von Pilzen, Pflanzenresten, saurer Milch oder gebrauchten Plastikflaschen für sich.

Mit Schalen löffeln

360 Millionen Plastikeislöffel landen jedes Jahr weltweit im Müll. Das soll in der EU künftig anders werden. Ab Juli dieses Jahres ist Einwegplastik in Europa verboten. Das Heidelberger Start-up Spoontainable bietet bereits seit Mitte 2019 eine essbare Alternative. Bei ihrem verdaulichen Besteck setzen die Gründerinnen auf Upcycling, machen also aus Abfällen wertvollere Dinge. In ihren Löffeln stecken Schalen, die tonnenweise bei der Lebensmittelherstellung anfallen: etwa Haferspelzen und Kakaoschalenfasern. Auch die Löffel von Kulero aus Göttingen können geknabbert werden. Fünf Millionen Plastiklöffel hat das Start-up nach eigenen Angaben bereits mit seinem Essbesteck aus Hafer, Hirse und Weizen ersetzt. Neben Eisdielen, Cafés und Privatkunden hat Kulero mittlerweile auch andere Abnehmer aufgetan: Gefängnisse und Psychiatrien. Denn Menschen können mit dem essbaren Besteck weder sich selbst noch andere verletzen.

Verpackungen aus Pflanzenresten

Essbar sind die Einwegteller und Verpackungen von Bio-Lutions zwar nicht. Sie bestehen aber ausschließlich aus Pflanzenresten und können nach der Verwendung kompostiert oder verhältnismäßig klimaschonend verbrannt werden. Das deutsche Unternehmen bezieht die Pflanzenabfälle für seine Fabrik im indischen Bangalore von Bauern und Bäuerinnen aus der Umgebung, die dadurch ein zusätzliches Einkommen haben. In der Fabrik werden die Pflanzenreste gesäubert, gehäckselt, getrocknet und in einer speziellen Maschine zu besonders feinen Faserstückchen zermahlen. Unter Zugabe von Wasser entsteht schließlich ein Faserbrei, der sich in verschiedene Formen pressen lässt: von der Gemüseverpackung bis zum Teller. Der Prozess spart Wasser sowie Energie und kommt ohne chemische Zusätze aus, die in der Papier- und Zellstoffindustrie üblich sind. Lokale Produktion soll die Transportwege kurz und den ökologischen Fußabdruck klein halten. Preislich will Bio-Lutions dabei mit Tellern und Verpackungen aus Papier, Pappe und Plastik mithalten – und ganz im Geiste der Kreislaufwirtschaft dabei keine Rohstoffe verwenden, die für Nahrungsmittel, Viehfutter oder Biokraftstoffe gebraucht werden. Mögliche Materialien reichen von Reisstroh über Ananasblätter, Weinreben und Tomatenpflanzen bis Weizenstroh. Auch Holzspäne und Baumwollreste können verarbeitet werden. Aktuell baut Bio-Lutions eine zweite Fabrik im brandenburgischen Schwedt, deren Produktion jährlich 30.000 Tonnen Plastikmüll vermeiden soll. Die Vision der Gründer: Obst und Gemüse, das verpackt in ihre eigenen Überreste in den Supermärkten landet.

 

Alte Milch macht neue Kleider

Rund zwei Millionen Tonnen Milch werden in Deutschland jedes Jahr als Abfall entsorgt. Ein Unternehmen aus der Oberpfalz nutzt Käsereiabfälle und saure Milch anders: für neue Kleidung. Ganz frisch ist die Idee dahinter nicht: Bereits in den 1930er-Jahren versuchte man aus dem Milchweiß Kasein Stoffe zu machen – verbrauchte dabei aber viel Wasser und giftige Chemikalien. Die Designerin und Mikrobiologin Anke Domaske entwickelte ein Verfahren, das für die Herstellung von einem Kilo „Qmilk“-Fasern nur zwei Liter Wasser erfordert, wenig Energie benötigt und keinen Abfall erzeugt. Das Kasein, das in den Flocken saurer Milch enthalten ist, wird dazu getrocknet, mit Bienenwachs, Weizenkleie und Wasser vermengt, erhitzt und geknetet. Die dadurch entstehende Masse wird anschließend durch Spinndüsen zu Fasern gepresst und danach zu Fäden gesponnen. Die sind glatt, glänzen wie Seide, können kompostiert und theoretisch sogar gegessen werden. Den besten Effekt erzielen sie aber in der äußerlichen Anwendung: So sollen ihre antibakteriellen und temperaturregulierenden Eigenschaften besonders Allergikerinnen und Allergikern sowie Menschen mit Neurodermitis zugutekommen. Die Qmilk steckt in Modekollektionen, Toilettenpapier, Milchkosmetik, Baby-Beißringen und Hundeknochen. Outdoor-Hersteller Vaude macht mit den Milchfasern Rucksäcke anschmiegsamer und antibakteriell.

 

Pilze, die auf Leder machen

Seit der Steinzeit schützt Leder unsere Füße vor spitzen Steinen und unsere Körper vor Kälte. Kein Wunder also, dass mit wachsendem Umweltbewusstsein tierfreundlichere Alternativen mit ähnlichen Eigenschaften erforscht, entwickelt oder wiederentdeckt werden. Beispielsweise der Zunderschwamm. Bereits Ötzi hatte diesen Pilz im Gepäck, um bei seiner Wanderung für Feuer zu sorgen. Ab dem Mittelalter wurde aus dem Baumparasiten, der bevorzugt an Buchen, Birken und Pappeln wächst, auch ein weiches Textil hergestellt, das an eine Mischung aus Filz und Wildleder erinnert. Die Berliner Designerin Nina Fabert hat das Verfahren im Rahmen ihrer Masterarbeit wiederbelebt. Über ihr Label „Zvnder“ vertreibt sie heute Geldbörsen und Basecaps aus Pilzleder, die komplett ohne Chemikalien produziert werden. Aber auch das Myzel – also das Wurzelgeflecht von Pilzen – eignet sich als Lederalternative. Pilzsporen werden dabei mit forstwirtschaftlichen Abfällen wie Sägemehl gefüttert. Das dabei entstehende Myzel ähnelt in seinen Eigenschaften Rindsleder, braucht aber wesentlich weniger Wasser und produziert auch deutlich weniger CO2 als die animalischen Hornträger. Die Designerin Stella McCartney hat diesen März eine Kollektion aus dem Pilzleder des Start-ups Bolt Threads herausgebracht, Adidas will Ende des Jahres mit einem Myzel-Schuh nachziehen.

Leder Hawaii

Auch aus diversen Pflanzenfasern lassen sich Alternativen zur Tierhaut produzieren: Rund 25 Millionen Tonnen Ananas werden jährlich weltweit geerntet. Dabei fallen jede Menge Blätter als Abfall an, die das britische Unternehmen Ananas Anam zu einem Ledersubstitut namens Piñatex verarbeitet. Die Fasern werden noch auf den Plantagen extrahiert und anschließend getrocknet. Was von den Blättern übrig bleibt, wird als Biodünger verwendet. Die Fasern werden dann gewaschen, entbastet, von Klebestoffen befreit und anschließend mit einem biobasierten Kunststoff aus Maisstärke vermischt. Es entsteht ein weiches Gewebe, das ähnlich strapazierfähig ist wie Leder und zu Schuhen, Handtaschen oder Kleidungsstücken verarbeitet werden kann. Der Verkauf der Ananasblätter eröffnet den Bauern und Bäuerinnen eine weitere Einnahmequelle. Das Grundmaterial von Piñatex kann in industriellen Anlagen kompostiert werden. Allerdings enthalten die fertigen Fruchtschuhe meist eine Versiegelung aus erdölbasiertem Harz. Biologisch abbaubar sind sie daher nicht.

Flaschen tragen

Was verbindet Unternehmen wie Lidl, Adidas, Ikea und Audi? Einige ihrer Kleider, Schuhe, Küchenfronten oder Autositzbezüge waren in ihrem ersten Leben Plastikflaschen. Das Verfahren dahinter: Gebrauchte PET-Flaschen werden sortiert, gepresst, gereinigt, geschreddert und die dabei entstehenden Schnipsel zu neuem Polyestergarn geschmolzen. Aus acht Plastikflaschen lässt sich ein Kilo Garn herstellen. Qualitativ kann recyceltes Polyester meist mit neuem mithalten, benötigt für die Herstellung jedoch keine giftigen Chemikalien, weniger als die Hälfte an Energie und erzeugt rund ein Drittel weniger CO2-Emissionen. Bei Umweltverbänden stößt die Flaschenmode trotzdem nicht auf ungeteilte Begeisterung: Alte PET-Flaschen sollten bestenfalls wieder zu neuen werden, da sie so immer wieder recycelt werden können – anders als die aus Mischmaterialien gefertigten Jacken und Pullis, die am Ende ihres Lebens in den Müll wandern oder verfeuert werden. Audi arbeitet nach eigener Aussage daher daran, seine Sitzbezüge künftig aus sortenreinem Material herzustellen, damit sie problemlos recycelt werden könnten. Lidl wiederum verwendet nach eigenen Angaben für seine Sneaker keine Flaschen aus dem deutschen Pfandkreislauf. Sie stammen vielmehr aus Asien, ein Viertel davon sei in chinesischen Küstenregionen gesammelt worden. Ein Freibrief für fröhlichen Plastikkonsum ist recyceltes Polyester trotzdem nicht. Weniger Plastikflaschen zu kaufen und Kleidung länger zu tragen bleibt nach wie vor nachhaltiger.