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Interview

Peter Birkner über Innovationskultur

© getty images

8. Septmeber 2016

Peter Birkner ist Experte für die Energiebranche und unterstützt mit seinem Knowhow unter anderem junge, innovative Start-ups. Im ersten Teil des Interviews erklärt er, warum große Konzerne sich schwer tun neue Trends umzusetzen und wie ein Richtungswechsel in der Unternehmenskultur einzuleiten ist.

 

#explore: Wie innovativ ist die Unternehmenskultur in Deutschland?

Peter Birkner: Sehr – zumindest was kleinere Unternehmen und den Mittelstand betrifft. Einfach aus der Notwendigkeit heraus, da Stillstand für diese Unternehmen Rückschritt bedeutet und sie sonst sofort an Wettbewerbsstärke verlieren. Große Strukturen, die auf traditionellen Erfolgsmodellen aufbauen, und die den bisherigen Erfolg eher verwalten, tun sich da deutlich schwerer. Innovation bedeutet – mit Schumpeter – auch immer ein Stück weit das aufgeben, was man eine gewisse Zeit getan und was einen erfolgreich und groß gemacht hat. Das ist nicht einfach. Ich gehe sogar so weit zu sagen, dass Manager in Unternehmen mit großen Strukturen häufig in einer Kultur der systemkonformen Verantwortungsverweigerung agieren.

#explore: Was heißt das?

Peter Birkner: Systemkonforme Verantwortungsverweigerung bedeutet in diesem Sinne, dass ein Manager nur ungern persönliche Verantwortung übernimmt. Denn wenn ein Unternehmen auf einer vermeintlichen Erfolgswelle schwimmt, passen Veränderungen oder Innovationen nicht so recht in das Bild. Das gilt vor allem, wenn diese auf Bedrohungen, die erst in der Zukunft wirksam werden könnten, abzielen. Es könnte ja bei der Umsetzung der Veränderung kurzfristig und konkret etwas schiefgehen. Um sich intern unangreifbar zu machen und keine Risiken einzugehen, werden alle Neuansätze mit angeblich sachlichen Controlling-Verfahren erst einmal tot gerechnet – nach der Methode: „Ich bin ja für Innovationen, aber sie rechnen sich leider nicht“. Es gilt das Prinzip: „Wer nichts tut, macht auch keine Fehler“. Damit wird implizit angenommen, dass das bestehende Erfolgsmodell weiter anhält und es tritt logischerweise Stillstand ein, der sich als fatal erweisen kann.

„Es gilt häufig das Prinzip: ‚Wer nichts tut, macht auch keine Fehler.’“

Peter Birkner

#explore: Was passiert, wenn Unternehmen aus ihrem selbstverordneten Dornröschenschlaf erwachen?

Peter Birkner: Dafür gibt es genügend Beispiele. Ein sehr prominentes ist Nokia. Dieses Unternehmen stellte für sich fest: „Smartphones braucht niemand, sie sind eine Randerscheinung. Wir bleiben beim Handy.“ Der Konzern hat den Trend einfach ignoriert – mit Umsatzeinbrüchen in Milliardenhöhe zur Folge. Eine ähnliche Entwicklung gibt es aktuell im Energiesektor. Die Branche durchlebt einen fundamentalen und irreversiblen Wandel. Dieser basiert auf dem Trend der Dezentralität – vernetzte, dezentrale Energieerzeugung vor Ort, mit pluralistischer Eigentümerstruktur, statt Massenproduktion in Großkraftwerken. RWE und E.ON haben lange ihr herkömmliches Geschäftsmodell verteidigt und neue Ansätze politisch sogar schlechtgemacht. Sie haben sich erst dann bewegt, als ihnen das Wasser bis zum Hals stand und das bestehende Geschäftsmodell, das auf Großkraftwerken basierte, kollabierte. Auch beispielsweise General Electric oder Siemens hatten in der Vergangenheit existenzbedrohende Situationen und haben sich dann aufgerafft und angepasst. Das kann funktionieren, muss aber nicht, wie Nokia gezeigt hat. Übrigens, auch jüngere Konzerne wie Microsoft oder Facebook kommen nicht an der permanenten Nachjustierung ihres Geschäftsmodells vorbei, wenn sie denn erfolgreich bleiben wollen.

#explore: Heißt das, Ihre These „Kleine Unternehmen denken schneller, große Unternehmen wagen weniger“ lässt sich auch auf die Energieversorgungsbranche übertragen?

Peter Birkner: Nicht so ganz. Für mich hängt die Innovationsfähigkeit in dieser Branche nicht so sehr mit der Größe zusammen, kleinere kommunale Betriebe tun sich da oft genauso schwer. Vielmehr hängt es von den Menschen ab, die vor Ort in der Verantwortung stehen. Also von dem Vorstand, der seine Organisation in Richtung neuer Geschäftsmodelle umbaut, etwas wagt und überlegt Risikokapital einsetzt – aber auch davon, wie die Aufsichtsgremien und die starke Mitbestimmung diesen Prozess unterstützen. Es ist festzustellen, dass es sich um eine sehr, sehr anspruchsvolle Managementaufgabe handelt. Entsprechend ist auch eine Zunahme an Personalwechseln auf Führungsebene zu beobachten.

#explore: Kleine und mittelgroße im Energiesektor sind also nicht per se innovativer als ihre große Konkurrenz?

Peter Birkner: Ich denke nicht. Was haben denn die kleineren oder mittleren Unternehmen in den vergangenen Jahren gemacht? Nachdem es bei den großen Energieversorgern zu wackeln anfing, haben mittelgroße Stadtwerke oder Stadtwerkekonsortien vor etwa fünf, sechs Jahren begonnen, selbst in erheblichem Umfang in Großkraftwerke zu investieren. Das Kopieren dieses auf Großkraftwerken basierenden Geschäftsmodells in einer Phase, als sich der Strompreisverfall an der Börse schon abzuzeichnen begann, führt heute zu enormen Wertberichtigungen. Wer weiterhin genau hinschaut, wird nur wenige Stadtwerke finden, die in dieser Energiewende aktiv etwas substanziell Neues unternehmen. Viele haben natürlich ihre Projekte, investieren beispielsweise in Erneuerbare Energien, Ladesäulen für E-Fahrzeuge und bieten Smart Home Lösungen an. Dies wird aber nicht ausreichen, um die Energiewende zu gestalten oder ein neues Geschäftsmodell zu etablieren. Gerade einmal rund zehn Prozent der erneuerbaren Energiequellen befinden sich im Eigentum der traditionellen Branche. An dieser Stelle sind Start-up-Unternehmen, die sich zum Beispiel mit der Vernetzung von Betriebsmitteln zu Smart Grids oder virtuellen Kraftwerken, Demand Side Management Verfahren, neuen Batterien oder mathematischen Algorithmen für Erzeugungsprognosen beschäftigen, der entscheidende Motor. Auch neue Geschäftsmodelle wie das Community Konzept, bei dem Solaranlagen und Batterien in ganz Deutschland vernetzt werden, schaffen neue Optionen. Nicht vergessen darf man das finanzielle Engagement von Bürgern, beispielsweise über Genossenschaften, und die institutionellen Anleger. Energiewende ist Technikwende und Kapitalwende. Ungeachtet dessen bleibt den Energieversorgern und den damit verbundenen Netzbetreibern eine sehr wichtige Aufgabe: Die Bereitstellung einer geeigneten Netzinfrastruktur als Rückgrat der Energiewende.

#explore: Wie attraktiv ist die Energieversorgungsbranche für Start-ups?

Peter Birkner: Die Szene ist heute schon so divers, dass zwar die Energieversorger für Start-up-Unternehmen immer noch ein attraktives Ziel sind, aber kein ausschließliches.

 

„Grundsätzlich gilt: Etablierte Unternehmen und Start-ups können in einer guten Symbiose zusammenarbeiten.“

Peter Birkner

#explore: Das heißt, dass die Start-ups Angebote entwickeln, die für ganz unterschiedliche Branchen interessant sind?

Peter Birkner: Richtig. Ein Start-up-Unternehmen im Bereich der Energiewende ist nicht notwendigerweise auf die Energieversorger fokussiert. Ein kleines Nanotechnologie-Unternehmen in der Nähe von Frankfurt hat beispielsweise ein Additiv für Getriebeöle entwickelt, dass den Wirkungsgrad von Getrieben verbessert. Das funktioniert in der Automobilindustrie genauso wie bei Windkraftanlagen. Grundsätzlich gilt: Etablierte Unternehmen und Start-ups können in einer guten Symbiose zusammenarbeiten. Start-ups sind innovativ, brauchen aber häufig Liquidität und geeignete Managementunterstützung, um die guten Ideen auch in die Tat umzusetzen. Das etablierte Unternehmen wiederum hat das interne Change Thema, eine geringere Flexibilität und häufig auch nicht das künftig erforderliche Know-how. Gerade große Energieversorger und auch Stadtwerkeverbünde, wie die Thüga-Gruppe oder die Trianel, sind im Bereich der Start-up-Szene sehr aktiv.

Energie-Experte Peter Birkner verrät im zweiten Teil des Interviews (wird in Kürze veröffentlicht), wie viel Digitalisierung die Branche braucht und warum er sich für eine nachhaltige Energiezukunft stark macht.

ZUR PERSON

Peter Birkner ist Honorarprofessor an der Bergischen Universität Wuppertal und unterrichtet am Lehrstuhl für Elektrische Energieversorgungstechnik. Außerdem leitet er das „House of Energy e.V.“ in Kassel, dass zusammen mit Unternehmen, Forschungseinrichtungen, Hochschulen und Universitäten sowie der hessischen Landesregierung die Energiewende in Hessen bezüglich Forschung und Entwicklung voranbringen soll.

Darüber hinaus engagiert sich Peter Birkner in zahlreichen Beiräten, Verbänden und Expertengruppen. Er unterstützt aktuell zwei junge Start-ups – die enersis suisse AG, Bern, und die Athion GmbH, Köln. Peter Birkner ist neben Michael Stelter, stellvertretender Leiter des Fraunhofer-Instituts für Keramische Technologien und Systeme, externer Experte des Innovation Boards des Geschäftsbereichs Industrie Service von TÜV NORD. Das Gremium diskutiert den Stand aktueller Innovationsprojekte und bewertet neue Idee und mögliche Forschungsprojekte.