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Steckbrief

Kira Kastell: Die vernetzende Ingenieurin

© Frankfurt UAS_Kevin Rupp

17. Dezember 2020

Kaum ein anderes Berufsfeld gilt, zumindest hierzulande, immer noch so sehr als „Männerdomäne“ wie die Ingenieurswissenschaften. Ingenieurinnen machen in Deutschland gerade mal 18 Prozent aus. Was Frauen am Einstieg ins Studium und in den Beruf hindert und wie sich diese Hürden abbauen ließen, das weiß und beschäftigt Kira Kastell, Professorin für Übertragungstechnik in Frankfurt und Vorsitzende des VDI-Netzwerks „Frauen im Ingenieurberuf“.

Name:
Kira Kastell

Alter:
45

Beruf:
Professorin für Übertragungstechnik in der Elektrotechnik

Website:

www.vdi.de

https://www.frankfurt-university.de/de/hochschule/fachbereich-2-informatik-und-ingenieurwissenschaften/kontakt/professorinnen-und-professoren-im-fachbereich-2/kira-kastell/

Der Anteil von Frauen im Ingenieursberuf beträgt in Deutschland nur 18 Prozent. Was sind für Frauen die größten Barrieren bei der Studienwahl und auf dem Weg in den Beruf?

Aus meiner Sicht spielt das Bild eine große Rolle, das in der Gesellschaft vom Ingenieurberuf und Frauen in technischen Berufen allgemein vermittelt wird. Mehr oder weniger bewusst wird vermittelt, dass technische Berufe „nicht weiblich“ sind, Frauen es dort schwer haben, sie den Stempel einer Außenseiterin bekommen oder durch diese scheinbar exotische Berufswahl nicht mehr als attraktive Frau wahrgenommen werden. Vor einem solchen Hintergrund eine Berufswahl zu treffen ist schwer. Selbst wenn es mittlerweile viele Angebote gibt, die das Berufsfeld speziell für die Zielgruppe „junge Frauen“ attraktiv aufbereitet darstellen.

Wie könnten diese Hürden abgebaut werden?

Ansatzpunkt ist das Bild der Öffentlichkeit über den Ingenieurberuf und seine Einflussbereiche im täglichen Leben, aber auch zum Beispiel im Klimaschutz und als Unterstützung einer alternden Gesellschaft. Mir schlägt noch immer Verwunderung über meine Berufswahl entgegen – und zwar gleich doppelt! Professorin? Und dann noch in der Elektrotechnik? Ist das nicht selten/schwer/ungewöhnlich? Selbst wenn es anerkennend gemeint ist, bekommt man den Status, „nicht normal“ zu sein. Daher müssen wir es schaffen, dass es weder negative noch positive Diskriminierung gibt.

Kann hier eine Quote helfen?

Ja. Auch wenn das langfristige Ziel immer sein sollte, dass die Wirkung der Quote den Effekt haben soll, dass man sie nicht mehr braucht. Es gibt aber diverse Untersuchungen, dass die oben beschriebene Normalität erst dann entsteht, wenn der Anteil einer Minderheit über 30 Prozent wächst. Bei einer sehr niedrigen Prozentzahl wird die Minderheit oft noch gehegt und gepflegt, aber bewusst oder unbewusst unter dieser kritischen Schwelle gehalten.

Fehlt es nach wie vor auch an sichtbaren Vorbildern?

Es gibt immer mehr weibliche Vorbilder im Ingenieurberuf – aber noch nicht genug! Vor allem wenn man die Vielfalt der Berufe, aber auch der Lebenssituationen der Protagonistinnen bedenkt.

Wir wollen Frauen im Ingenieurberuf sichtbarer machen.

Kira Kastell, Professorin für Übertragungstechnik in Frankfurt

Was macht für Sie den Ingenieurberuf aus?

Entgegen der landläufigen Meinung braucht man zwar auch Mathematik, aber logisches Denken, Neugier und Kreativität sind viel wichtiger. Und die Themen werden immer interdisziplinärer, da die Anwendungen, die man entwickelt, immer stärker im Alltag Einzug halten. Daher müssen Ingenieurinnen und Ingenieure auch gerne mit anderen Menschen arbeiten und sich nicht ins stille Kämmerchen zurückziehen.

Welchen Beitrag versuchen Sie mit dem VDI-Netzwerk „Frauen im Ingenieurberuf“ zu leisten?

Wir wollen Frauen im Ingenieurberuf sichtbarer machen, die oben erwähnten Vorbilder sein. Darüber hinaus finden sich im Netzwerk Gleichgesinnte zum Erfahrungsaustausch und zur Unterstützung in allen Lebenslagen.

Inwiefern kommen die Bedürfnisse von Frauen bei der Entwicklung neuer Technologien zu kurz?

Da die Teams in der Entwicklung oft noch nicht divers besetzt sind, gibt es eine ganze Menge Kleinigkeiten. Beispiele existierender Technologien oder Anwendungen sind unter anderem Smartphones, die nicht in der Funktion, aber zum Beispiel in der Größe eine Herausforderung sind: Frauen sind oft etwas kleiner in der Statur, ihre Garderobe weist zudem oft weniger und/oder kleinere Taschen als bei Männern auf. Das widerspricht der Annahme der Entwickelnden, dass das Gerät „immer am Mann“, aber eben nicht an der Frau ist. Oder Clip-Mikrofone, deren Batterieteil einfach in die Jackett-Innentasche gesteckt wird, die es bei Frauen meist nicht gibt. Aber auch geschlechtsunspezifisch ergeben sich Herausforderungen: Scheren oder Sparschäler für Linkshänderinnen und -händer werden von rein rechtshändigen Teams auch nicht automatisch mitgedacht. Daher ist Diversität in der Produktentwicklung so wichtig.

Hätten Sie gern einen Haushaltsroboter?

Ich habe schon einen Staubsaugroboter – für mich als Allergikerin eine wirkliche Erleichterung. Für einen Rasenmähroboter ist mein Garten zu klein, aber ein Unkrautzupfroboter, der auch eigenständig entscheidet, was Unkraut ist, wäre eine feine Sache.

Welches digitale Produkt muss erst noch erfunden werden?

Bei einem rein digitalen Produkt tu ich mich schwer – vielleicht ist das Beamen von Dingen und Personen digital? Sonst wären es eher Geräte: neben dem Roboter gegen Unkraut gerne einen, der auch in Regalen Staub wischt. Wenn es ein Produkt gäbe, das rein digital Bilder oder Ähnliches täuschend echt in einem Raum erscheinen lässt – am besten auch mit haptischem Eindruck –, das fände ich ebenfalls spannend.

Auf welche Produkte könnten Sie verzichten?

Sprachassistenzsysteme, die ungefragt reagieren. Deshalb habe ich kein solches Gerät in Benutzung. Allerdings aktiviert sich auch die App in meinem Smartphone ab und zu selbstständig und ignoriert die Stummschaltung. Und gibt dann unpassende Tipps oder Kommentare.

Welche technische Anwendung wird Ihnen immer ein Rätsel bleiben?

Bei einigen Apps frage ich mich, ob es sich um Programmierfehler handelt oder ob ich die Funktion nicht verstanden habe. Nicht nur bei den Sprachassistenzsystemen. Hier fehlt mir oft eine intuitive Nutzbarkeit.

Wann waren Sie das letzte Mal 24 Stunden offline?

Im Urlaub, den ich Anfang des Jahres noch machen konnte, war ich sogar eine ganze Woche offline. Das habe ich sehr genossen.

Urlaub ohne WLAN – Traum oder Albtraum?

Dieser Urlaub war ein Traum, und es geht auch mit gedruckten Reiseführern! Zudem kommt man viel besser in Kontakt mit den Menschen vor Ort.

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