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Innovationskultur

Innovation Space bei TÜV NORD

© TÜV NORD

30. März 2017

Die wachsende Vernetzung in einer digitalisierten Welt birgt neue Chancen und Herausforderungen. Doch nur mit einer lebendigen Innovationskultur gelingt der Wandel. Im Innovation Space von TÜV NORD am Standort Hamburg sucht ein Team deshalb nach innovativen Ideen und Lösungen für eine sichere Industrie 4.0.

Große Bahnstraße, Hamburg-Stellingen: Eingebettet zwischen Bundesstraße und Gleisen liegt hier im Westen der Hansestadt ein kleines Industriegebiet. Bis 2023 soll hier der neue Fernbahnhof Altona entstehen. Die Hausnummer 31 ist der Hauptstandort von TÜV NORD in Hamburg: ein Komplex mit drei sechsstöckigen Bürogebäuden, der sich fast über die komplette Länge der Straße erstreckt. Das Unternehmen ist eng verwachsen mit dem technologischen Fortschritt – aus kleinen Dampfkesselüberwachungsvereinen ist im Laufe von knapp 150 Jahren ein weltweit agierender Konzern geworden, der in der Digitalisierung viele Chancen sieht, Themen wie Anlagensicherheit und IT-Sicherheit neu zu verknüpfen.

Wer wissen will, wie TÜV NORD sich in Zeiten von Künstlicher Intelligenz, Industrierobotern und selbst fahrenden Autos neu erfindet, muss in den Keller gehen. Hier liegt seit Kurzem der Innovation Space des Geschäftsbereichs Industrie Service: Viel Licht, ein heller Boden, ein Glaskubus mitten im Raum, Sofaecke und Sitzsack aus Jeansstoff, alles riecht neu. Gleich auf dem ersten Tisch steht neben Klebestreifen, Notizzetteln und Pinnnadeln eine Drohne. Dazu hat der Postbote gerade ein weiteres großes Paket geliefert – heute ist endlich die Virtual-Reality-Brille angekommen. Durch die in den Brillen verbaute Technik und spezielle Linsen wird es möglich, eine authentisch wirkende und interaktive Umgebung in Echtzeit zu erschaffen.

Herzstück des Innovation Space ist ein großer, offener Raum. Die Tische darin sind dank Rollen mobile Arbeitsplätze. Zeichnungen, Tabellen, bunte Haftzettel und Notizen machen aus den Wänden eine riesige Kreativfläche. Hier arbeitet ein Team aus zehn Leuten an neuen Ideen für TÜV NORD. Chef der Mannschaft ist Carsten Becker, „Head of Corporate Center Innovation“ steht auf seiner Visitenkarte. „So heißt das heute“, sagt er.

Sein Team ist ein „bunter Haufen“. Zur Abteilung gehören „ein Start-up-Guy, eine indische Kollegin, zwei promovierte Mitarbeiter, eine Berufsanfängerin, viele Kollegen mit Familie, und vor kurzem habe ich einen Kollegen mit 30 Jahren Berufserfahrung an Bord geholt“, erklärt Becker. Auch die beruflichen Profile sind völlig unterschiedlich. Medien-Profis, BWLer und Bankkaufleute zählen ebenso dazu wie Elektro- und Wirtschaftsingenieure. Diversität heißt das: Die unterschiedlichen Fähigkeiten, Talente und Kompetenzen sollen kreative und innovative Prozesse freisetzen.

Oft ist es in vergleichbaren Büros – zum Beispiel bei Start-ups oder Innovation-Labs – üblich, dass es keine festen Arbeitsplätze gibt und jeder sucht sich täglich seinen Schreibtisch neu aus. Carsten Becker hat sich bewusst gegen dieses Prinzip entschieden, denn die Kollegen wollen sich gern für eine Weile an einem Platz einrichten. Doch alle drei Monate wird trotzdem getauscht. So entwickeln sich keine starren Teams und die regelmäßige Veränderung kurbelt den innovativen Prozess und den Austausch untereinander an.

„Wir haben kein vorgegebenes Innovationsfeld“, erklärt Carsten Becker. Vielmehr sollen er und seine Kollegen vor dem Hintergrund der Industrie 4.0, die als vierte industrielle Revolution gilt, Arbeitsplätze sichern und neue schaffen. „Konkret bedeutet das für uns, dass wir gemeinsam mit Fachleuten aus den unterschiedlichen operativen Bereichen zum einen bestehende Ideen verbessern und zum anderen neue Lösungen und Geschäftsfelder entwickeln“, sagt er. Außerdem sind an den Innovation Space Forschungsprojekte gekoppelt – „damit wollen wir auch unserer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden“.

Ein thematischer Schwerpunkt läuft unter dem Titel „Security4Safety“: In der vernetzten Fabrik reicht es längst nicht mehr, dass die einzelnen Anlagen sicher laufen – das klassische Thema „Safety“. Inzwischen müssen auch die Maschinen vor Hackerangriffen von außen geschützt werden, Stichwort: „Security“, um letztendlich wieder Mensch und Umwelt zu schützen. Weitere Themenfelder sind Qualitätsfragen beim 3D-Druck, Einsatzmöglichkeiten von augmented reality in der Industrie oder digitale Testmethoden zum Beispiel für Aufzugsprüfungen.

Doch eigentlich sieht Carsten Becker sein Team als internen Dienstleister: „Wir wollen ‚Enabler’ sein und Dinge möglich machen.“ Deshalb bieten die Innovationsexperten Workshops und Seminare für Kollegen an. „Gemeinsam suchen wir nach neuen Ideen und machen moderne Technologien zugänglich“, so Becker. Denn das größte Problem sei immer noch die Ablehnung gegenüber Neuem und dass viele nicht wissen, welche Möglichkeiten die Industrie 4.0 bietet. „Darum öffnen wir uns, jeder kann vorbeikommen“, erklärt er. Dafür gibt es extra sogenannte Open Hours, bei denen immer mindestens ein Mitarbeiter bereit steht, um innovative Technologien zu erklären. Neugierige dürfen selbstverständlich auch die neue Virtual-Reality-Brille ausprobieren. „Denn nur wer die aktuelle Technik versteht und erlebt, ist aufgeschlossen für Veränderung und Wandel.“

Drei Fragen an ...

 ... Christian Bredlow von Digital Mindset

#explore: Warum brauchen Unternehmen Innovationsmanagement?

Christian Bredlow: Unternehmen brauchen eine gesunde Innovationskultur, damit Ideen entstehen, die die Firmen auch einmal über den Tellerrand schauen lassen. Ich denke, dass neue Denkansätze sogar auch etwas ungesteuert wachsen dürfen.

#explore: Wie digital ist die deutsche Industrie schon heute?

Christian Bredlow: Ich sehe zurzeit eine große Initiative im Mittelstand, die aber meistens noch Geschwindigkeitsbegrenzungen in Silos und Strukturen findet. Oft wird Digitalisierung mit Technologie verwechselt. Eine Homepage und ein neuer Exchange-Server sind kein Gradmesser. Bei uns ist es wie zu erwarten so, dass Produktion und Logistik schon ziemlich weit sind. Bei Zusammenarbeit, Kommunikation und Kultur sehe ich die größten Nachholbedarfe.

#explore: Was empfehlen Sie Unternehmen, die sich innovativer und digitaler aufstellen wollen?

Christian Bredlow: Fehler zulassen, Innovationen fördern! Im digitalen Zeitalter kann jede Idee einfach auf Machbarkeit überprüft werden. Produkt erdenken, im Internet erproben. Optimieren. Nächster Zyklus. Wir alle müssen uns auf agile Zeiten einstellen, auf die wir am besten vorbereitet sind, wenn wir digital arbeiten und vor allen Dingen kreativ denken!

Christian Bredlow ist Mitgeschäftsführer der Agentur Digital Mindset, die als Lotsen Unternehmen durch den digitalen Wandel begleiten will.