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Auf dem Prüfstand

Spielplatzprüfung: Sicher spielen

© Franz Bischof

8. September 2016

Für Betreiber von Spielplätzen gelten eine ganze Reihe von Vorschriften und Normen. Rainer de Vries kennt sie fast auswendig: für TÜV NORD überprüft er die Sicherheit von Schaukel, Rutsche, Wippe & Co. Der Experte erkennt die Schwachstellen auf einen Blick – und kann sie sogar hören.

Dong-dong-dong. Rainer de Vries legt die Stirn in Falten und lauscht. Noch einmal. Er steht auf einer Leiter am Schaukelgerüst, haut mit seinem Hammer auf den Querbalken, dong-dong-dong. Die Stirn glättet sich, er lächelt, alles in Ordnung. Rainer de Vries hört den Unterschied zwischen trockenem und morschem Holz. „Knochentrockenes Holz wie dieses erzeugt einen schönen Sound. Morsches Holz macht eher ein dumpfes Geräusch“, erklärt de Vries und klettert mit dem Hammer in der Hand die Leiter hinunter.

Rainer de Vries ist Spielplatzprüfer bei TÜV NORD und inspiziert Rutschen, Kletterwände und Wippen. Denn Spielplatzbetreiber sind verpflichtet, die Sicherheit der Geräte und des Geländes zu gewährleisten; eine regelmäßige Wartung und Kontrolle ist deshalb obligatorisch. Die Experten von TÜV NORD übernehmen sowohl die Erstabnahme als auch die jährliche Inspektion von Spielplätzen in Schulen, Kindergärten und in öffentlichen Anlagen.

Das Einsatzgebiet von Rainer de Vries ist der Raum Hannover. Heute kontrolliert er einen Spielplatz auf dem Schulgelände einer kleinen Gemeinde, ein paar Kilometer südöstlich von der Landeshauptstadt Niedersachsens. Obwohl die Anlage schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat, werden die Geräte jetzt zum ersten Mal geprüft. „Dem Betreiber war bislang nicht klar, dass er für die Sicherheit hier zuständig ist“, erklärt de Vries. Ein Umstand, der nicht ungewöhnlich ist. Im Gegenteil: „Viele Betreiber wissen nicht, dass sie für den Spielplatz verantwortlich sind – und nicht etwa der Hersteller.“ Mindestens genauso häufig kommt es vor, dass die Unterlagen für den Spielplatz fehlen. Die Dokumente sollen Auskunft über Hersteller, Baujahr, Material und die sachgerechte Installation geben. Auch diesmal fehlen die Unterlagen.

„Viele Betreiber wissen nicht, dass sie für den Spielplatz verantwortlich sind.“

Rainer de Vries

Eine weitere Schwachstelle vieler Spielplätze ist der Holzbalken, der die Schaukeln trägt. Regen, Schnee und Frost greifen in der kalten Jahreszeit das Material an. Gerade wenn die Schaukeln im Schatten oder unter Bäumen stehen, kann das Gebälk nur schwer trocknen. Das Holz wird morsch und trägt die Last nicht mehr zuverlässig. Dann muss der Balken sofort ausgetauscht werden – andernfalls droht ein Benutzungsverbot. Zum Glück steht die Schaukel auf dem Spielplatz, den de Vries heute prüft, unter freiem Himmel. Sie macht schon auf den ersten Blick einen guten Eindruck, der „schöne Sound“ beim Hammer-Test gibt de Vries’ Kennerblick recht: Keine Mängel.

Selbst die Sandkorngröße ist vorgeschrieben

Der Hammer ist de Vries’ wichtigstes Werkzeug. Genauso unverzichtbar: die „Bibel“. So nennt Rainer de Vries das „DIN-Taschenbuch 105 – Spielplätze und Freizeitanlagen“ – ein 664 Seiten starkes Nachschlagewerk, das akribisch alle Maße und Richtlinien aufführt, die die Europäische Spielplatznorm DIN EN 1176 vorschreibt. Auf den Millimeter genau ist zum Beispiel die erlaubte Korngröße von gewaschenem Sand vorgegeben: 0,2 bis 2 Millimeter. Rainer de Vries kennt viele Zahlen aus der „Bibel“. „Bei Fallhöhen bis drei Meter zum Beispiel muss der Fallschutz, zum Beispiel Sand, Holzschnitzel oder Rasen, 40 Zentimeter tief sein, um bei Stürzen vor Verletzungen zu schützen“, zitiert de Vries die „Bibel“. Um das bei dem Kletternetz vor Ort zu überprüfen, braucht er eine kleine Schaufel, die eher wie Sandspielzeug aussieht und nicht wie Arbeitsgerät. Zwei, drei kräftige Stiche in den Boden genügen und Rainer de Vries hat ein kleines Loch ausgehoben. Mit dem Zollstock misst er nach: 40 Zentimeter und noch Luft nach unten, alles in Ordnung. Er schiebt den Sand mit der Schaufel zurück ins Loch – „hier könnte sonst jemand stolpern und sich verletzen“. 

Hammer, Schaufel, Zollstock – längst nicht die ganze Ausrüstung von Rainer de Vries ist so gewöhnlich wie diese drei wichtigen Utensilien. In seinem Werkzeugkoffer aus dem Baumarkt, so groß wie drei Getränkekisten, liegen mehrere rote Kunststoffkörper. Sie haben Ähnlichkeit mit Küchenschalen. Nur der Griff, der aus den Formen ragt, verrät: Dies kann keine Rührschüssel sein. De Vries greift in die Kiste und hält eine kleine Form hoch: „Das ist ein deutscher Kindernormkörper“. 22 Zentimeter breit, die durchschnittliche Schulterbreite kleiner Kinder. „Prüfkörper“ nennt das die „Bibel“. Damit können die Spielplatzexperten Fangstellen ausmachen. Der Abstand von Leitersprossen zum Beispiel darf nur so groß sein, dass kein Prüfkörper hindurch passt. Mit schwarzem Edding sind in kleiner Schrift die anderen Formen beschriftet: „Kleiner Kopf“ steht auf der einen, „großer Kopf“ auf der anderen. Auch Fingerattrappen hält der Werkzeugkoffer bereit: Sie sehen aus wie dickere Metallstifte. Rainer de Vries prüft damit jede Schaukelkette, Windung und Verbindungsstelle. Nirgendwo passt die Fingerattrappe rein – kleine Kinderhände können also beim Schaukeln nicht einklemmen.

Auch sonst findet de Vries heute kaum Mängel, der Spielplatz ist in einem guten Zustand. Ein Reifen ist porös, ein kleines Verbindungsstück im Schaukelnetz herausgebrochen, die Unterlagen fehlen. Mängel, die Rainer de Vries mit seinem lilafarbenen Kuli auf dem Klemmbrett notiert. Das Prüfprotokoll erhält der Betreiber – er ist dazu verpflichtet, die Mängel zu beseitigen. Erst dann gilt der Spielplatz als TÜV-geprüft.

Nach eineinhalb Stunden ist Rainer de Vries mit der Inspektion fertig. Noch ein paar Fotos für das Protokoll und das Archiv, fertig. Sein Lieblingsspielgerät, eine hohe Kletterpyramide, war heute nicht dabei. Die erklimmt er am liebsten mit seiner elfjährigen Tochter – trotz Höhenangst, die er so zu überwinden versucht. Den prüfenden Blick kann de Vries jedoch nicht abstellen. „Ich scanne auch privat jeden Spielplatz sofort“, sagt de Vries und ergänzt: „Aber ich petze nicht.“

ZUR PERSON

Rainer de Vries ist Spielplatzprüfer bei TÜV NORD und inspiziert Rutschen, Kletterwände und Wippen. Denn Spielplatzbetreiber sind verpflichtet, die Sicherheit der Geräte und des Geländes zu gewährleisten; eine regelmäßige Wartung und Kontrolle ist deshalb obligatorisch.