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SozialstandardsStandards für faire Arbeitsbedingungen

24. November 2022

Faire Löhne und sichere Arbeitsbedingungen sind in vielen Teilen der Welt keine Selbstverständlichkeit. Sogenannte Sozialstandards sollen menschenwürdige Arbeitsbedingungen sicherstellen. Ob Hersteller diese Kriterien einhalten, wird in sogenannten Social Audits geprüft. Wie laufen diese Audits ab? Und wie können die Auditor:innen sicherstellen, dass die Fabriken für ihren Besuch nicht „frisiert“ worden sind? Das erklärt Martin Saalmann von TÜV NORD CERT im Interview.

 

#explore: Was kann man sich unter Sozialstandards vorstellen?

Martin Saalmann: Sozialstandards wurden von der Internationalen Arbeitskonferenz der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) der UNO entwickelt, um die Rechte von Arbeitenden zu schützen und ihnen ein sicheres und menschenwürdiges Arbeitsumfeld zu garantieren. Diese Kriterien werden bei sogenannten Social Audits überprüft: Da geht es um Arbeitssicherheit, gerechte Entlohnung, Überstunden, aber auch Kinderarbeit, Diskriminierung und Zwangsarbeit. Internationale Einzelhändler wie Walmart oder Aldi fordern diese Audits von ihren Lieferanten in Risikoländern wie Indien, Bangladesch, Vietnam oder China ein, um sicherzustellen, dass die Produkte unter fairen Bedingungen hergestellt wurden.

 

#explore: Wie läuft so ein Audit konkret ab?

Martin Saalmann: Die meisten Audits werden über Onlineplattformen des jeweiligen Standards in Auftrag gegeben. Das hat den Vorteil, dass im Anschluss alle Großhändler auf dieser Plattform die Ergebnisse des Audits bei einem Produzenten einsehen können und nicht einzelne Audits beauftragen müssen. Die Großhändler legen auch fest, unter welchen Bedingungen das Audit durchgeführt werden soll – ob angekündigt oder unangekündigt. Die größte Zahl der Audits ist halb angekündigt, dem zu prüfenden Hersteller wird also lediglich ein Zeitraum genannt. Die Auditorinnen und Auditoren gehen dann in die Produktion vor Ort und machen sich ein Bild von der Situation: Arbeiten dort Kinder? Werden Arbeitssicherheitsmaßnahmen eingehalten? Tragen die Menschen Arbeitsschutzkleidung? Sind Notausgänge unverschlossen und Feuerlöscher immer zugänglich? Werden verwendete Chemikalien ordnungsgemäß gelagert? Im Anschluss führen die Auditorinnen und Auditoren Interviews mit den Arbeitnehmenden durch und prüfen Unterlagen. Je nach Zahl der Mitarbeitenden dauert dieser Prozess ein bis fünf Tage.

 

#explore: Wie lässt sich sicherstellen, dass die Arbeiter:innen authentisch sind und nicht vorher beeinflusst wurden von ihrem Arbeitgeber?

Martin Saalmann: Die Angestellten werden zufällig von den Auditorinnen und Auditoren ausgewählt. Diese achten dabei auf eine möglichst repräsentative Zusammensetzung, also auf eine Parität von Männern und Frauen, und darauf, dass vulnerable Menschen wie Schwangere oder Personen mit Handicap vertreten sind. Die Zahl der Interviews orientiert sich dabei an der Größe des Unternehmens. In der Regel führen wir rund 20 Gespräche. Diese Interviews finden in einem geschützten Raum statt – und natürlich immer ohne das Management. Im Nachgang gleichen die Auditorinnen und Auditoren diese Aussagen mit den Informationen aus den Dokumenten auf mögliche Abweichungen ab. Damit die Arbeitenden frei sprechen können und keine Konsequenzen befürchten müssen, achten wir dabei strikt darauf, dass ihre Aussagen im Bericht nicht identifiziert und zugeordnet werden können.

 

Zur Person

Zur Person: Martin Saalmann ist Fachleiter Nachhaltigkeit bei TÜV NORD CERT. 

#explore: Und wie stellen Sie sicher, dass Abläufe und Arbeitsplätze für das Audit nicht einfach frisiert werden?

Martin Saalmann: Arbeitsbedingungen unauffällig aufzuhübschen ist gerade für schlecht geführte Unternehmen schwerer, als man vielleicht denkt. Und die Auditorinnen und Auditoren verfügen alle über sehr viel Erfahrung und haben deshalb einen Blick dafür, ob sie vor Ort eine reale oder eine geschönte Arbeitssituation vorfinden. Für die Hersteller hängt von einem solchen Audit ab, ob sie weiter für einen großen Abnehmer produzieren dürfen. Manche Unternehmen versuchen daher gezielt zu täuschen, wenn sie den Anforderungen nicht entsprechen – etwa durch eine doppelte Buchführung von Zeitkonten. Die Auditorinnen und Auditoren müssen also ganz genau hinschauen und Querverbindungen ziehen: Passen die Zahlen zu den Aussagen der Mitarbeitenden und zu den Produktionsbedingungen vor Ort? Das erfordert viel Erfahrung, Wissen, Interviewskills und Transferdenken, auch unter Zeitdruck.

 

#explore: Was müssen die Auditorinnen und Auditoren dazu mitbringen?

Martin Saalmann: Sie durchlaufen zunächst unterschiedliche Trainingsstufen und mehrere Prüfungen, bis sie als Lead-Auditorin oder Lead-Auditor eigenverantwortlich tätig sein können. Um ihre Anerkennung zu behalten, müssen sie auch jedes Jahr entsprechende Schulungen absolvieren. Außerdem wird ihre Arbeit in regelmäßigen Monitorings überprüft, bei denen ihnen eine Senior-Auditorin beziehungsweise ein Senior-Auditor beim Audit über die Schulter schaut. Bei konkreten Verdachtsfällen werden sogenannte Shadow-Audits durchgeführt. Im Anschluss an ein Audit gehen wir dann noch mal in die Unternehmen, um uns zu vergewissern, ob die Auditorinnen und Auditoren sorgfältig und unabhängig gearbeitet haben.

 

#explore: Was sind so die häufigsten Unstimmigkeiten, auf die Sie bei den Audits stoßen?  Und wie gehen Sie dann weiter vor?

Martin Saalmann: Die Hauptproblematiken sind Überstunden, Arbeitssicherheit und Löhne unter dem Existenzminimum. Gesetzlich vorgeschriebene Mindestlöhne liegen in manchen Ländern oft weit unter dem lebensnotwendigen Gehalt. Diese Abweichungen werden im AuditBericht festgehalten, und die Unternehmen werden angehalten, entsprechende Korrekturen vorzunehmen. Das wird im Nachfolge-Audit überprüft, oder es wird ihnen ein bestimmter Zeitrahmen gesetzt, in dem diese Veränderungen umzusetzen sind.

 

#explore: 2023 tritt in Deutschland das Lieferkettengesetz in Kraft. Welche Unternehmen betrifft es und macht es die Einhaltung sozialer Standards quasi zur Pflicht?

Martin Saalmann: Mit dem Lieferkettengesetz sollen menschenrechtliche Sorgfaltspflichten in der Lieferkette garantiert werden. Unternehmen mit mindestens 3.000 Mitarbeitenden, ab 2024 dann mit 1.000 Mitarbeitenden, müssen ihre direkten Lieferanten auf entsprechende Risiken untersuchen und bei mittelbaren Lieferanten bei Hinweisen auf Missstände aktiv werden. Wir gehen davon aus, dass der Audit-Aufwand in den nächsten Jahren stetig zunehmen wird. In den kommenden Jahren ist zusätzlich ein Lieferkettengesetz auf EU-Ebene zu erwarten, das nach einem ersten Entwurf noch einmal über das deutsche Lieferkettengesetz hinausgehen wird, da es ebenso kleinere Unternehmen für ihre direkten sowie indirekten Lieferanten in die Sorgfaltspflicht nehmen soll. Aber auch das deutsche Lieferkettengesetz dürfte bereits über Unternehmen mit 3.000 beziehungsweise 1.000 Mitarbeitenden hinaus wirken. Weil diese Unternehmen auch bei ihren Zulieferern aus dem Inland oder aus

 

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