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Steckbrief

Ina Remmers: Die Nachbarschaftsvernetzerin

© Maximilian Gödecke

22. Oktober 2020

Nachbarn: Fast jeder hat sie, nicht jeder kennt sie. Gerade in Städten ist der Austausch unter Nachbarn oft eher die Ausnahme der Regel. Ina Remmers möchte das ändern. 2015 gründete sie gemeinsam mit Christan Vollmann und weiteren Mitstreitern das Portal nebenan.de, über das sich Nachbarn kennenlernen, vernetzen und gegenseitig unter die Arme greifen können.

Name:
Ina Remmers

Alter:
37

Beruf:
Gründerin und Geschäftsführerin von nebenan.de.

Website:
nebenan.de

Was ist nebenan.de?
nebenan.de ist mit 1,6 Millionen Nutzerinnen und Nutzern Deutschlands größte Nachbarschaftsplattform.

Wie ist die Idee entstanden?
Mein Mitgründer Christian Vollmann ist im bayerischen Dorf Dormitz aufgewachsen. In seiner Wahlheimat Berlin fehlt ihm die Dorfgemeinschaft manchmal. Ein Schwätzchen beim Bäcker, spontane Hilfe im Garten? Eine Seltenheit in der anonymen Großstadt. Als er innerhalb Berlins umzog, wurde ihm klar: Er kennt keinen seiner Nachbarn persönlich. Das wollte er ändern – die Idee zu nebenan.de war geboren. Christian startete einen Selbstversuch: Er ging in seiner eigenen Straße im Berliner Scheunenviertel von Tür zu Tür, klingelte bei seinen Nachbarinnen und Nachbarn und stellte sich vor. Die allermeisten reagierten mit großem Interesse auf die Idee, sich in der Nachbarschaft besser zu vernetzen.

Die Welt braucht nebenan.de, weil …
... wir heute mehr denn je den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft brauchen. Mehr Hilfsbereitschaft, mehr Gemeinschaft und mehr lokaler Zusammenhalt sind durch nebenan.de vielerorts Realität geworden.

Wie hat sich nebenan.de seit der Gründung 2015 entwickelt?
Prächtig! Mittlerweile vernetzen sich deutschlandweit 1,6 Millionen Nachbarinnen und Nachbarn in über 8000 Nachbarschaften. Anlässlich unseres fünfjährigen Bestehens in diesem Jahr haben wir unseren ersten Wirkungsbericht veröffentlicht. Die Analyse zeigt: Die Plattform trägt dazu bei, die lokale Gemeinschaft zu stärken, das Gefühl von Vertrauen, Zugehörigkeit und Wohlbefinden zu steigern und Isolation und Einsamkeit entgegenzuwirken. Als Sozialunternehmen wollen wir einen echten gesellschaftlichen Beitrag leisten. Es macht uns stolz, dass unser Konzept aufgeht und wir mit nebenan.de eine positive Veränderung in der Gesellschaft bewirken.

Wie können sich Nachbarn über das Portal vernetzen?
In den einzelnen Nachbarschaften fungiert nebenan.de ähnlich wie ein digitales schwarzes Brett: teilen, tauschen, helfen, verschenken, verleihen, verabreden – all das ist über nebenan.de kostenlos möglich. Auf nebenan.de vernetzen sich verifizierte Nachbarinnen und Nachbarn – also Personen, die auch wirklich vor Ort wohnen. Nutzerinnen und Nutzer können nur mit Menschen kommunizieren, die in ihrer unmittelbaren Umgebung leben.

Erreicht man über ein solches Online-Portal denn tatsächlich alle Altersgruppen – oder vor allem die digital affinen Nachbarn bis Mitte Vierzig?
Tatsächlich sind auf nebenan.de fast alle Altersgruppen vertreten. Bestes Beispiel: Sabine aus Berlin. Sie ist mit ihren 80 Jahren bei nebenan.de aktiv und vernetzt sich online mit ihren Nachbarinnen und Nachbarn. Sie verabredet sich regelmäßig mit ihnen zum Boule spielen oder zu gemeinsamen Kinobesuchen. Über nebenan.de hat sie auch ihre mittlerweile beste Freundin Jutta kennengelernt.

Wofür wird nebenan.de am meisten genutzt?
Ganz unterschiedlich. Bei nebenan.de verabreden sich Nachbarinnen und Nachbarn zum Beispiel regelmäßig zum Feierabendbier oder zum Sport, helfen sich bei der Kinderbetreuung und der Haustier-Pflege, tauschen, teilen und verschenken Dinge über den nebenan.de Markplatz oder informieren sich über Neuigkeiten im Viertel. Lokale Gewerbetreibende nutzen das Gewerbeprofil von nebenan.de zum Beispiel dafür, um mit Kunden aus der direkten Umgebung in Kontakt zu treten. Und auch Städte und Gemeinden treten über die Plattform in den Austausch mit ihren Bürgerinnen und Bürgern.

Welche Rolle haben die Nachbarschaften auf nebenan.de während der Corona-Hochphase gespielt?
Eine große! Nachbarschaftshilfe war schon vor Ausbruch der Corona-Pandemie eins der wichtigen Themen auf nebenan.de und ist es auch weiterhin. Mit Beginn der Corona-Krise verzeichnete nebenan.de eine Welle der Solidarität und Hilfsbereitschaft unter Nachbarinnen und Nachbarn. Die Anzahl der Hilfsangebote war im März zehnmal so hoch wie üblich und im April doppelt so hoch. Inhaltlich standen zu Beginn der Krise praktische Themen wie Einkaufshilfe im Vordergrund. Etliche Nachbarinnen und Nachbarn tauschten Ideen aus, wie sie Menschen in der Isolation aufmuntern könnten oder entwickelten kreative Begegnungsformate auf Distanz: vom Balkon-Konzert bis zum Hinterhof-Karaoke.

Wie soll es mit nebenan.de weitergehen?
Wir möchten natürlich weiterwachsen, vor allem im ländlichen Raum. In Städten funktioniert der Austausch schon sehr gut: Die Anonymität sinkt, Nachbarinnen und Nachbarn kommen in Kontakt und unterstützen sich im Alltag. Im ländlichen Raum gibt es noch viel Potenzial.

Auf welches digitale Produkt könnten Sie verzichten?
Da gibt es sehr viele. Ich versuche digitale Produkte ausgewählt zu nutzen. Und zwar dann, wenn sie mir einen echten Mehrwert liefern.

Hätten Sie gerne einen Haushaltsroboter?
Ja. Allerdings nur, wenn er tatsächlich mir dient und nicht dem Hersteller, indem er fleißig alle Informationen weitergibt.

Welche technische Anwendung wird Ihnen immer ein Rätsel bleiben?
Ganz ehrlich: Ich finde bis heute alles, was spricht, rätselhaft. Egal ob Siri oder Alexa.

Wann waren Sie das letzte Mal 24 Stunden offline?
Bei der Geburt meiner Tochter :)

Urlaub ohne WLAN – Traum oder Albtraum?
Ein Traum!

Im #explore-Format „Steckbrief“ kommen regelmäßig spannende und inspirierende Menschen aus der digitalen Szene zu Wort: Forscher*innen, Blogger*innen, Start-up-Gründer*innen, Unternehmer*innen, Hacker*innen, Visionäre und Visionärinnen.