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Steckbrief

Petra Grimm: Die Ethikerin

© Petra Grimm

14. Februar 2019

Das Internet und die digitalen Technologien haben uns ungeahnte Möglich­keiten eröffnet. Doch diese sind nicht automatisch gut für alle – das zeigen Daten­skandale und Phänomene wie Hate Speech und Cyber­mobbing. Vor welche neuen moralischen Fragen stellt uns das Netz­zeit­alter, und wie können wir diese beantworten, um in der digitalen Gegen­wart und Zukunft gut mit­einander zu leben? Damit beschäftigt sich Petra Grimm, Leiterin des Instituts für Digitale Ethik in Stuttgart.

Name:
Petra Grimm

Alter:
57

Beruf:
Professorin für Medien­forschung und Kommunikations­wissen­schaft

Website:
https://www.hdm-stuttgart.de/grimm

Warum brauchen wir eine digitale Ethik? Reicht unsere analoge nicht mehr aus?
Zwischen online und offline gibt es mittlerweile keine Trennung mehr. Damit sind ganz spezifische Rahmen­bedingungen verbunden. Beispiels­weise konnten wir früher in der analogen Welt weit­gehend kontrollieren, wem wir etwas sagen und wer etwas über uns weiß. Das ist heute nicht mehr der Fall. Das heißt, wir geben unsere Privats­phäre preis wie noch nie zuvor. Es stellen sich also neue ethische Fragen, die es so in der analogen Welt nicht gab. Auch die Frage nach der Verantwortung stellt sich neu: Wer ist verantwortlich, wenn Maschinen zunehmend autonom entscheiden? Für die digitale Ethik stellt sich hier die Heraus­forderung, ein neues Verantwortungs­konzept zu entwickeln.

Inwieweit stellen uns Big Data, Algorithmen und KI ethisch vor neue Heraus­forderungen?
Die durch Big Data und künstliche Intelligenz bevor­stehenden Veränderungen – man spricht auch von einem „algorithmic turn“ – haben Auswirkungen auf den Einzelnen und die Gesellschaft: das Selbst­bild des Menschen – das heißt seine Vor­macht­stellung gegen­über Maschinen –, unser soziales Gefüge, den Wert und die Gestaltung der Arbeit und unsere politische Willens- und Meinungs­bildung. Um in der Praxis intelligente Systeme human­gerecht zu gestalten, bedarf es einer Verständigung darüber, welche Prinzipien gelten sollen, wie sie entwickelt werden können und wie eine System­kontrolle möglich ist.

„Wenn man sich face-to-face gegen­über­steht, ist das eine andere Situation, als wenn man über eine Maschine indirekt und distanziert kommuniziert. Hier bedarf es einer ethischen Digital­kompetenz und einer entsprechenden Haltung.“

Petra Grimm, Professorin für Medien­forschung und Kommunikations­wissen­schaft

Angesichts von Cybermobbing oder Hate Speech kann man den Eindruck gewinnen, dass analoge Verhaltens­regeln im Internet teil­weise aus­gesetzt sind. Teilen Sie diese Einschätzung? Und falls ja, wie kann man damit umgehen?
Zu beobachten ist der Trend zu einer empathischen Kurz­sichtig­keit. Damit meine ich, dass einigen Menschen bei der Online-Kommunikation das Mitgefühl abhanden­gekommen ist. Wenn man sich face-to-face gegen­über­steht, ist das eine andere Situation, als wenn man über eine Maschine indirekt und distanziert kommuniziert. Hier bedarf es einer ethischen Digital­kompetenz und einer entsprechenden Haltung. Cyber­mobbing und Hate Speech sind aber nicht dasselbe. Bei Letzterem gibt es auch organisierte Gruppen, die ganz konkrete politische Ziele verfolgen: Destabilisierung der Demokratie und Einschüchterung. Hier müssten dann entsprechende rechtliche Maßnahmen greifen.

Sie haben mit Ihren Studierenden jeweils zehn Gebote für Nutzer und für Unter­nehmen formuliert. Was sind denn die wichtigsten Gebote für Nutzer?
Die „10 Gebote der digitalen Ethik“ liegen jetzt bereits in sieben Sprachen vor und werden permanent nach­gedruckt. Es gibt sie als Post­karte und Booklet mit einer Alltags­geschichte zu jedem Gebot. Auch ein Musik­video ist von den Medien­scouts von juuuport.de dazu produziert worden. Die ersten fünf Gebote sind meiner Einschätzung nach sehr zentral:

  1. Erzähle und zeige möglichst wenig von dir.
  2. Akzeptiere nicht, dass du beobachtet wirst und deine Daten gesammelt werden.
  3. Glaube nicht alles, was du online siehst, und informiere dich aus verschiedenen Quellen.
  4. Lasse nicht zu, dass jemand verletzt und gemobbt wird.
  5. Respektiere die Würde anderer Menschen und bedenke, dass auch im Web Regeln gelten.

Sie eignen sich sehr gut als Impuls, um sich über das eigene Verhalten im Netz Gedanken zu machen und sich eine Haltung anzueignen.

Und für Unternehmen?
Für Unternehmen haben die Master­studierenden Leitlinien entworfen, nicht Gebote. Die zehn Leitlinien sollen ein Weg­weiser sein, der in die Nach­haltig­keits­strategie der Firmen zu integrieren ist. Sie umfassen die Aspekte daten­ökologische Verantwortung, faires und gerechtes Arbeiten 4.0, Chancen­gerechtig­keit und Fürsorge sowie Folgen­abschätzung und Nach­haltig­keit.

Cybersicherheit bereits bei der Entwicklung digitaler Produkte und Dienste zu berücksichtigen ist das Prinzip hinter „Security by Design“. Brauchen wir ein „Ethics by Design“, und wie könnte das aussehen?
„Ethics by Design“ ist meiner Einschätzung nach der beste Weg, um das Problem bei der Wurzel zu packen. Hier geht es um eine Kooperation von Technologie und Ethik während des gesamten Ideen- und Entwicklungs­prozesses. Hierzu sind mehrere Stufen nötig: ein ethisches und rechtliches Screening, das auch empirische Unter­suchungen beinhaltet und zu klären hilft, welche Werte zur Disposition stehen. Darauf auf­bauend geht es darum, Awareness für die ethische Relevanz zu schaffen und eine Haltung zu entwickeln, etwa zum Wert der Privat­heit. Die Erkenntnisse fließen dann in die Entwicklung ein, die evaluiert und gegebenen­falls neu justiert werden muss. Nur so kann eine verantwortungs­volle Innovation bei digitalen Technologien entstehen.

Welches digitale Produkt muss erst noch erfunden werden?
Ein Echtzeit-Über­setzungs­tool, das uns hilft, in unter­schiedlichen Sprachen mit einem Menschen und mehreren zu kommunizieren – und zwar so, dass auch das nicht Übersetz­bare oder das kulturell anders zu Verstehende berücksichtigt werden. Das würde nicht nur sprachliche, sondern auch kulturelle Barrieren über­winden helfen. Es wäre ein kultur­geschichtlicher Sprung in eine neue Epoche, wenn der Turm zu Babel endlich Vergangen­heit wird.

Auf welches können Sie verzichten?
„Soziale“ Medien wie Instagram, Facebook etc.

Möchten Sie künftig im autonomen Auto zur Arbeit oder in den Urlaub fahren?
Unbedingt! Voraus­gesetzt, ich bin nicht eine unter wenigen … Je mehr autonome Fahr­zeuge es gibt, desto eher verändert sich das System. Allerdings müssten auch hohe Sicherheits­standards eingehalten werden.

Welche technische Anwendung wird auch Ihnen immer ein Rätsel bleiben?
Wer – außer IT-Spezialisten – weiß denn schon, wie es unter der Ober­fläche der technischen Anwendungen aussieht? Ganz zu schweigen von Deep Learning oder sonstigen selbst lernenden Systemen …

Wann waren Sie das letzte Mal 24 Stunden offline?
Auf dem Weg in den Urlaub und zurück.

Urlaub ohne WLAN: Traum oder Albtraum?
Weder noch. Mit einer homöopathischen Dosis kann ich ganz gut klar­kommen.

Im #explore-Format „Steckbrief“ kommen regelmäßig, spannende und inspirierende Menschen aus der digitalen Szene zu Wort – Forscher*innen, Blogger*innen, Startup-Gründer*innen, Unternehmer*innen, Hacker*innen, Visionäre*innen.

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