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Nachrichten aus dem Maschinenraum

8. September 2016

Bevor die Tagesschau mit ihrem neuen Erscheinungsbild 2014 on air gehen konnte, arbeiteten Spezialisten an einem weltweit einzigartigen Sicherheitskonzept. Die Abnahme erfolgte durch TÜV NORD.

Acht Uhr abends in deutschen Wohnzimmern: der Fernseher ist eingeschaltet, man wartet auf den gewohnten Vorspann der Tagesschau. Doch am 19. April 2014 und seither an jedem Abend sieht alles anders aus. Anstelle der Titeleinblendung und der bislang üblichen Standardeinstellung, dem Oberkörper des Nachrichtensprechers hinter seinem Pult, blicken die ARD-Zuschauer nun mit dem 20-Uhr-Gong aus der Vogelperspektive auf das gesamte Studio, der Nachrichtensprecher erscheint winzig hinter einem der zwei Moderationstische. In einem spektakulären Schwenk fährt die Kamera heran und fokussiert den Moderator, bis er bildfüllend neben einem Ausschnitt der Medienwand zu sehen ist. Möglich wird dies durch drei an der Decke hängende Kameraroboter, die sich mithilfe von Motoren bewegen. „Diese Kameraroboter, die während der Fahrt filmen können, sind weltweit einzigartig“, sagt Stefan Rickmann, der beim NDR zuständig ist für Planung und Durchführung von Studioprojekten.

Spektakuläre Kamerafahrten

Während ihrer mehr als 60-jährigen Geschichte hat Deutschlands älteste Nachrichtensendung mehrmals ihr Erscheinungsbild gewechselt. Seit Ostersamstag 2014 jedoch wird die Tagesschau wie ihre Schwestersendungen Tagesthemen und Nachtmagazin aus einem völlig neu gestalteten ARD-Studio in Hamburg ausgestrahlt: Zu Beginn der Kamerafahrt im Vorspann sind die beiden dreiarmigen Sprecherpulte zu sehen, ebenso die 18 Meter breite Medienwand und das an Schiffsplanken erinnernde Moderatorenpodest mit seiner beleuchteten Kante. Alles wirkt klar und geräumig. Unsichtbar bleiben die hundert Scheinwerfer an der Decke, die Bodenkameras und natürlich die drei an der Decke hängenden Kameraroboter. „Wir mussten an der Studiodecke eine stabile Stahlkonstruktion anbauen, damit die Roboter an den im Dreieck angeordneten Schienen montiert werden konnten“, erklärt Rickmann. Hinzu kommt: Die NDR Arbeitssicherheit und TÜV NORD haben lange an einem Sicherheitskonzept gefeilt. Das daraus von Camerobot Systems, dem Hersteller der Kameraroboter, entwickelte Sicherheitssystem hat TÜV NORD abgenommen, und der NDR lässt es alle vier Jahre durch einen Sachverständigen prüfen.

Die Roboter werden hauptsächlich in der Automobilzulieferindustrie eingesetzt, Camerobot hat sie den Anforderungen eines Fernsehstudios angepasst. „In der Industrieproduktion spielen allein Präzision und Schnelligkeit eine Rolle“, sagt Peter Pühringer, Projektmanager bei Camerobot. „Ob die Greifarme während der Fahrt wackeln, ist völlig unwichtig. Hauptsache, sie treffen das Ziel.“ Die Bewegungen der Roboter, an denen 20 Kilogramm schwere Kameras hängen, müssen dagegen weich ablaufen, weder Start noch Stopp einer Fahrt darf ein Wackeln auslösen, damit die Zuschauer nicht den Eindruck eines schwankenden Bildes bekommen. Der Lärm der fahrbaren Roboter, das zweite Problem, wird von Spezialhüllen geschluckt.

Begutachtung nach zahlreichen Normen

Die größte Herausforderung bestand darin, eine Kollision zwischen Mensch und Maschine sowie zwischen Maschine und Maschine zu verhindern. „Wir haben es beim ARD-Studio quasi mit einem begehbaren Maschinenraum zu tun“, sagt Bernd Nowoczyn, Sachverständiger bei TÜV NORD, der die Prüfungen vorgenommen und das Sicherheitssystem abgenommen hat. „Es gibt hierfür bisher keine spezielle Norm oder Richtlinie, an der wir uns orientieren können. Letztlich wurden sowohl die Berufsgenossenschaftliche Vorschrift BGV C1, welche die Sicherheitsanforderungen für Veranstaltungs- und Produktionsstätten für szenische Darstellung regelt, als auch die DIN 56950 für maschinentechnische Einrichtungen in Bühnen und Studios zur Grundlage genommen“, erläutert der Sachverständige. Zusätzlich zu vielen weiteren Normen und Regelwerken wurde die Risikobeurteilung des Herstellers in die sicherheitstechnische Beurteilung der Anlage einbezogen. Unterstützung bei der Prüfung der Elektrotechnik erhielt er von seinem Sachverständigen-Kollegen Carsten Ohlandt.

Außer den Moderatoren und Studiogästen darf sich niemand im Studio aufhalten. Vor, während oder nach einer Sendung, wenn die Kameras möglicherweise neu konfiguriert werden, befinden sich alle weiteren Beteiligten im Regieraum. Auch die Moderatoren sind in ihrer Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt: Während einer Sendung müssen sie festgelegte Wege gehen, damit diese mit den programmierten Kamerafahrten zusammenpassen. Winzige Zeichen auf dem Fußboden markieren Punkte, an denen sie sich orientieren können. Das Podest verlassen dürfen sie zu keinem Zeitpunkt.

Sicherheit auf Schritt und Tritt

Die Besonderheit des Sicherheitssystems, sechs Boden- und ein Deckenscanner, ist für den Fernsehzuschauer unsichtbar. Die wenige Zentimeter über dem Fußboden befindlichen Scanner tasten ständig das Podest ab und ermitteln die Position der Personen im Studio. Sie stehen mit den Kamerarobotern in Verbindung und errechnen, wann die Bewegung eines Roboterarms abbrechen muss, damit dieser sich nicht zu sehr dem Moderator nähert. „Früher standen hinter dem Pult immer Rollcontainer oder Taschen. Das ist beim neuen Sicherheitskonzept nicht mehr möglich, da dies die Scanner als Verletzung des Sicherheitsbereichs interpretieren und die Anlage stoppen würde“, erklärt Rickmann. Der Vorteil: „Dafür haben die Moderationstische nun Schubladen und Fächer, das Studio sieht jetzt viel aufgeräumter aus.“

Zwei Bodenscanner und ein an der Decke angebrachter Scanner tasten die Grenze des Moderatorenpodestes ab. Wer sich dem virtuellen Vorhang der Bodenscanner nähert, löst zunächst eine Warnlampe am Teleprompter aus: eine Aufforderung, den Abstand zur Podestkante zu vergrößern. Nähert sich die Person auf weniger als zwei Meter der unsichtbaren Schranke, löst sie die zweite Sicherheitsstufe aus: den Stopp der Kamerabewegung. „Zwei Meter sind ein Abstand, den man auch mit ausgestrecktem Arm nicht überwinden kann“, erklärt Petra Cohrs, die beim NDR den Bereich Arbeitssicherheit leitet. Da die Roboterarme so konfiguriert sind, dass sie sich geschmeidig bewegen, wird ein abrupter Halt möglicherweise für den aufmerksamen Zuschauer zu sehen sein“, so Rickmann. Bisher ist es noch zu keinem Nothalt während einer Sendung gekommen.

„Es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass ich die schnell und automatisch auf mich zukommende Kamera im Notfall selbst anhalten kann.“

Petra Cohrs, NDR Arbeitssicherheit

Mit Netz und doppeltem Boden

Zusätzlich gibt es im Regieraum einen roten Knopf, mit dem sich ein Nothalt der Kameraroboter auslösen lässt. Da die Psyche eine wichtige Rolle spielt, gibt es den Nothalt-Knopf auch an der Rückseite des Rednerpultes. „Die Knöpfe wurden bisher ausschließlich zu Testzwecken betätigt“, sagt Petra Cohrs. „Aber es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass ich die automatisch auf mich zukommende Kamera notfalls selbst stoppen kann.“ Wenn alle Stricke reißen sollten, können sich die Moderatoren zwischen die beiden Moderationspulte flüchten: die einzige Stelle im Studio, an der sie keiner der Roboterarme erreichen kann. Doch dazu wird es nicht kommen – auch Bernd Nowoczyn will sich schließlich täglich um 20 Uhr über das neueste Weltgeschehen informieren.

Die neue Medienwand

Dank des Umbaus kann die ARD aktuell alle Nachrichtensendungen aus einem einzigen Studio senden, täglich bis zu 20 Sendungen.

Neben den Kamerarobotern ist die 18 Meter breite Medienwand das Herzstück des neuen 320 Quadratmeter großen ARD-Studios. Sieben Beamer projizieren 3D-Grafiken, Panoramabilder, Fotos und Videos von hinten auf die halbrunde Wand. Der Moderator steht vor dieser Wand und sieht die gezeigten Bilder und Grafiken ebenfalls.

Das Besondere: Eine einzigartige Grafiksoftware macht es möglich, die Illustrationen auf der konkaven Wand so darzustellen, dass sie aus jeder Kameraperspektive ohne Verzerrung wiedergegeben werden, und zwar in Echtzeit bei Aufnahmen mit sich bewegenden Kameras.

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