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KlimaschutzZertifizierte Baumvielfalt

15. September 2022

Dürre, Waldbrände, absterbende Bäume: Der Klimawandel macht den Wäldern stark zu schaffen. Auch in Deutschland. Wie Wälder klimafester werden können und welche Rolle dabei der Wald-Klimastandard spielen kann, der aktuell entwickelt wird – das erklärt Alexandra Nuske von TÜV NORD CERT.

 

#explore: Welche konkreten Folgen hat der Klimawandel für unsere Wälder?

Alexandra Nuske: Gravierende Probleme sind die fehlenden Niederschläge, die wir in den vergangenen Jahren verstärkt beobachten mussten. Diese Dürreperioden senken den Grundwasserspiegel. Dadurch entsteht ein sogenannter Trockenstress, der die Bäume anfällig macht für Borkenkäfer, andere Insekten und Pilze, die sie schädigen oder gar absterben lassen. Und mit der Dürre wächst auch die Waldbrandgefahr, die zu einem immer größeren Problem wird. Das hat dieses Jahr in aller Deutlichkeit gezeigt.

 

#explore: Wie können wir Wälder gegen den Klimawandel wappnen?

Alexandra Nuske: Der entscheidende Faktor ist die Abkehr von Monokulturen mit stark nässebedürftigen Bäumen – also ein Umbau hin zu Mischwäldern mit mindestens drei, möglichst vier Baumarten auf einer Fläche. Das reduziert das Risiko, falls eine Baumart auf einem Standort weniger gut anwächst als erwartet. Dann müssen wir uns konkret anschauen, welche Baumarten gut mit wärmerem und trockenerem Klima zurechtkommen.

 

#explore: Welche Baumarten kommen hier infrage?

Alexandra Nuske: Manche Försterinnen und Förster in Deutschland haben bereits gute Erfahrungen beispielsweise mit der Esskastanie gemacht, die ja eigentlich eher im mediterranen Raum vorkommt. Man kann hier also durchaus neue Wege gehen. Aber auch heimische Baumarten wie Eiche oder Buche kommen gut auf trockenen Flächen zurecht. Von Bäumen, die viel Nässe benötigen, müssen wir uns vielerorts verabschieden – dazu gehört allen voran die Fichte. Ein Patentrezept für alle Wälder in Deutschland gibt es allerdings nicht: Welche Bäume wo gut oder weniger gut wachsen, ist abhängig von den lokalen Gegebenheiten, die sich selbst innerhalb eines Forstreviers unterscheiden können. Waldbesitzende oder Försterinnen und Förster wissen meist am besten, was in ihren Wäldern wachsen kann. Sie können sich aber auch wissenschaftlich beraten lassen: durch sogenannte Entscheidungsunterstützungssysteme der forstlichen Versuchsanstalten, die ihnen konkrete Lösungsvorschläge unterbreiten, auf welche Baumarten man an diesem Standort setzen kann.

Zur Person

Alexandra Nuske ist Senior Auditorin für den Bereich Klimaschutzprojekte bei TÜV NORD CERT. Die Forstwissenschaftlerin betreut schwerpunktmäßig die weltweite CO2-Zertifizierung von Wald-Klimaprojekten.

#explore: Wie kommt hier der Wald-Klimastandard ins Spiel?

Alexandra Nuske: Viele Waldbesitzende in Deutschland haben nur sehr kleine Flächen. Wenn der gesamte Wald durch den Borkenkäfer geschädigt wird, braucht es enorme Investitionen, um ihn wieder aufzuforsten. Viele verfügen nicht über die finanziellen Mittel von Landesforsten oder Großwaldbesitzenden. Manche setzen daher auf eine natürliche Verjüngung, also auf die herabfallenden Samen umstehender Bäume. Wenn aber um diese geschädigten Waldflächen nur Fichten wachsen, hat man in ein paar Jahren wieder denselben Baumbestand und damit dasselbe Problem. Der Wald-Klimastandard soll für die Waldbesitzenden auch mit kleiner Fläche einen ökonomischen Anreiz schaffen, auf einen klimaresilienten Wald umzubauen, indem sie diesen Umbau über die dabei entstehenden CO2-Zertifikate finanzieren können.

 

#explore: Was unterscheidet den Wald-Klimastandard von bisherigen Klimazertifikaten für Wälder?

Alexandra Nuske: In Deutschland muss etwa ein Fichtenbestand, der dem Borkenkäfer zum Opfer gefallen ist, nach wenigen Jahren neu aufgeforstet werden. Eine Wiederaufforstung mit beispielsweise Fichten wäre nicht zertifizierbar – weil sie keinen Mehrwert an Biodiversität und CO2-Speicherung mit sich bringt, sondern nur den Istzustand wiederherstellt. Und ebenjenen Mehrwert durch den Umbau auf einen klimaresilienteren und diverseren Baumbestand müssen die Waldbesitzenden für ihre konkrete Situation belegen. Bisherige Methoden anderer Standards sind sehr stark generalisiert, lassen sich also grundsätzlich überall anwenden. So müssen allerdings bei jedem Zertifizierungsprojekt landesspezifische Anpassungen vorgenommen werden. Dies ist ein sehr langwieriger und kostspieliger Prozess. Der Wald-Klimastandard verfolgt deshalb das Ziel, ein festes Grundgerüst für alle Waldbesitzenden in Deutschland zu schaffen, das nur noch mit einigen lokalen Daten gefüttert werden muss, um es ihnen so einfach wie möglich zu machen, solche Wald-Umbauprojekte tatsächlich anzugehen.

 

#explore: Wer steht hinter dem Standard, und wie weit ist die Entwicklung vorangeschritten?

Alexandra Nuske: Der Wald-Klimastandard wurde von der Ecosystem Value Association (EVA) ins Leben gerufen. Diese hat zunächst eine Grundfassung erstellt, zu der im sogenannten Wald-Klimarat Beteiligte aus den Bereichen Wald, Markt, Wissenschaft und Technik sowie NGOs und regierungsnahe Organisationen ihren Input gegeben haben. Im August wurde die dritte Entwurfsfassung zur öffentlichen Konsultation bereitgestellt. Die dabei angefallenen Anmerkungen werden gesammelt und ausgewertet, der Standard wird auf dieser Basis angepasst. Bis Ende des Jahres soll eine erste Testversion vorliegen, um ihn in einer Pilotphase zu erproben. Wir als Zertifizierer schauen uns in dieser Phase konkret an, ob alle Kriterien fundiert, transparent und tatsächlich überprüfbar sind.

 

#explore: Wie wird eine solche Zertifizierung konkret ablaufen?

Alexandra Nuske: Zunächst werden wir von der EVA mit der Prüfung eines Waldprojekts beauftragt. Wir schauen uns dann die Projektdokumentation an und prüfen im folgenden Schritt den Wald vor Ort: Stimmen die Baumarten, die in der Projektbeschreibung angegeben wurden? Sind die Szenarien zur CO2-Bilanz des Waldes plausibel? Wir achten immer sehr darauf, dass alle CO2-Berechnungen konservativ sind, also eher unter- als überschätzen. So ist man auf der sicheren Seite. Aspekte, die uns unklar oder fehlerhaft erscheinen, müssen von den Projektentwickelnden aufgearbeitet und korrigiert werden. Nach einer internen Prüfung nach dem Vieraugenprinzip erstellen wir den finalen Bericht. Den können die Waldbesitzenden wiederum im Register der EVA veröffentlichen lassen, um ihre Zertifikate am Markt anzubieten. Natürlich wird die Entwicklung des Waldprojekts in der Folge auch überwacht. Einerseits ist ein kontinuierliches Monitoring etwa durch Luftbilder oder Satellitenbilder angedacht. Andererseits wird aber etwa drei oder fünf Jahre später eine Überprüfung durch unabhängige Zertifizierer wie TÜV NORD vor Ort erfolgen. Das eigentliche Ziel ist ja schließlich, dass diese Wälder tatsächlich heranwachsen. Für den Klimaschutz und für uns alle, die wir uns in ihnen bewegen wollen.

 

Entdeckt, erklärt, erzählt: Der Podcast von #explore