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Arbeitssicherheit & -schutz

Psychische Gesundheit am Arbeitsplatz fördern: Tipps für Führungskräfte und Arbeitgebende

Lesen Sie, wie Sie als Arbeitgeber:in oder Führungskraft psychische Fehlbelastungen verhindern, rechtzeitig erkennen und gegensteuern.

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14. April 2026

Viele Arbeitnehmende leiden unter psychischen Gefährdungen am Arbeitsplatz

Der Stress-Report der Techniker Krankenkasse zeigt: Fast die Hälfte der Beschäftigten in Deutschland fühlt sich durch den Beruf abgearbeitet oder verbraucht. Das Stressempfinden vieler Mitarbeitender nimmt durch psychische Belastung wie ein hohes Arbeitsvolumen, Schichtarbeit, Termindruck und Unterbrechungen zu. Solche Stressfaktoren bzw. Stressquellen können langfristig das Risiko für psychische Störungen erhöhen.

Psychische Erkrankungen stellen nicht nur für die Betroffenen und ihre Angehörigen eine hohe Belastung dar, sie wirken sich auch auf die Wirtschaft aus. Rund 17 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitstage gingen 2024 auf psychische Erkrankungen zurück. Die durchschnittliche Krankschreibung bei psychischen Erkrankungen betrug 2024 rund 33 Tage.

Tiana-Christin Schuck, MEDITÜV-Psychologin

„Keine Kleinigkeit“, kommentiert MEDITÜV-Psychologin Tiana-Christin Schuck, „man spricht nur nicht so viel darüber“. Dabei ist darüber sprechen ein wichtiger erster Schritt, um das Problem in den Griff zu bekommen. Und auch sonst können Arbeitgeber:innen sowie Führungskräfte einiges tun, um die psychische Gesundheit am Arbeitsplatz zu fördern.

Der Job trägt oft zur Entstehung psychischer Erkrankungen bei

Die moderne Arbeitswelt spielt in vielen Fällen eine Schlüsselrolle in der Entstehung von Abhängigkeiten (,,Sucht"), Burn-out, Angsterkrankungen und Depressionen. Die hohe Arbeitsbelastung, unklare Rollenverteilung, belastende Arbeitszeitmodelle - wie etwa Schichtarbeit - und zunehmende Veränderung erzeugen bei vielen Arbeitnehmer:innen chronischen Stress. Verstärkt wird dieser durch äußere Ereignisse wie den Krieg in der Ukraine. So entsteht Unsicherheit, ein Nährboden für psychische Krankheiten.

Gut zu wissen: Ob psychische Erkrankungen in der jüngsten Vergangenheit so stark angestiegen sind, wie es Zahlen nahelegen, ist umstritten. Tiana-Christin Schuck tendiert eher dazu, dass in erster Linie ein veränderter Umgang mit dem Thema für den zahlenmäßig sichtbaren Anstieg verantwortlich ist. So würden Ärztinnen und Ärzte bei chronischer Müdigkeit, Schlafstörungen oder Schmerzen heute öfter als früher psychische Ursachen in Erwägung ziehen. In diesem Zusammenhang spielt auch das Phänomen der Somatisierung eine Rolle – also die körperliche Ausdrucksform psychischer Fehlbelastungen.

Das müssen Arbeitgebende und Führungskräfte tun: Pflichten im Überblick

Sich um die psychische Gesundheit von Arbeitnehmenden zu kümmern, ist keine Sache des freiwilligen Engagements. Sowohl Arbeitgeber:innen als auch Führungskräfte sind dazu gesetzlich verpflichtet – maßgebliche Vorgaben und Empfehlungen ergeben sich dabei unter anderem aus den Regelwerken der DGUV (Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung).

 

Die Gefährdungsbeurteilung psychische Belastung

Seit 2015 ist im § 5 Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG) die Pflicht verankert, eine Gefährdungsbeurteilung für psychische Belastung durchzuführen.

Arbeitgeber:innen müssen psychische Gefährdungen am Arbeitsplatz ermitteln und Gegenmaßnahmen einleiten. Dabei spielen Faktoren wie die Arbeitszeit und -intensität, aber auch soziale Beziehungen und Umgebungsfaktoren wie Lärm und Klima wichtige Rollen. Orientierung bieten hierbei unter anderem die Empfehlungen und Handlungshilfen der DGUV zur Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung. 

Bei der Erstellung gehen Sie als verantwortliche Person in mehreren Schritten vor:

  1. Legen Sie die Bereiche und Tätigkeiten fest, für die Sie die Beurteilung durchführen wollen.
  2. Ermitteln Sie die psychische Belastung am Arbeitsplatz mithilfe geeigneter und wissenschaftlich fundierter Instrumente.
  3. Beurteilen Sie die Belastung gemäß der Instrumentvorgaben.
  4. Entwickeln Sie, falls notwendig, geeignete Maßnahmen und setzen Sie sie um.
  5. Kontrollieren Sie die Wirksamkeit der Maßnahmen.
  6. Aktualisieren Sie die Gefährdungsbeurteilung, sobald sich die Arbeitsbedingungen ändern.
  7. Dokumentieren Sie die Ergebnisse.

 

Wichtig: „Eine Gefährdungsbeurteilung erstellen und eine gute Gefährdungsbeurteilung erstellen sind zwei Paar Schuhe“, mahnt Tiana-Christin Schuck. So sei zum Beispiel eine hochwertige Prüfung mit geeigneten Analyse-Instrumenten notwendig

Gleichzeitig zeigt sich, dass psychische Belastung zunehmend auch in übergeordneten Arbeitsschutz- und Managementsystemen verankert werden. Im Rahmen der ISO 45001 für Arbeits- und Gesundheitsschutzmanagementsysteme rücken psychosoziale Risiken immer stärker in den Fokus systematischer Gefährdungsbeurteilungen. Mit der Veröffentlichung der ISO 45003 wurde dieser Anspruch weiter konkretisiert: Der internationale Leitfaden macht deutlich, dass psychische Belastungen integraler Bestandteil moderner Arbeitsschutzstrukturen sind und im Rahmen bestehender Gefährdungsbeurteilungen verbindlich mitzudenken sind. Ziel ist es, die Fehlzeiten zu reduzieren und die Resilienz der Mitarbeitenden zu erhöhen.

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Die Fürsorgepflicht von Führungskräften

Was viele nicht wissen: Führungskräfte haben eine Fürsorgepflicht gegenüber Arbeitnehmer:innen, die das Thema psychisches Wohlbefinden einschließt. Das bedeutet, dass sich Führungskräfte bemühen müssen, potenzielle Schadensquellen für die psychische Gesundheit von Mitarbeitenden zu erkennen und gegenzusteuern. Dazu gehört auch, Beschäftigte bei Bedarf auf interne oder externe  Unterstützungsangebote hinzuweisen – etwa betriebliche Beratungsstellen, psychologische Unterstützungsangebote oder externe Fachstellen.

Keine leichte Aufgabe, aber eine, deren Bewältigung sich lernen lässt.

DIN EN ISO 10075, ISO 45003 und DGUV – Normen und Vorschriften zur Orientierung

Um psychische Gefährdungen am Arbeitsplatz zu ermitteln und richtig darauf zu reagieren, können sich Verantwortliche an internationalen Normen sowie nationalen Vorschriften der gesetzlichen Unfallversicherung orientieren:

  • Die DIN EN ISO 10075 definiert grundlegende Begriffe und Konzepte im Zusammenhang mit psychischer Arbeitsbelastung. Zusätzlich behandelt sie konkrete Maßnahmen, mit denen sich diese Belastung vermeiden oder zumindest verringern lässt.
  • Bei der ISO 45003 handelt es sich um einen globalen Leitfaden zum Umgang mit psychosozialen Risiken. Er richtet sich an ISO-45001-zertifizierte Unternehmen, eignet sich aber auch als unabhängige Orientierungshilfe. Auch hier finden Verantwortliche konkrete Anregungen, wie sie erfolgreich mit Gefährdungen umgehen.

Die Vorschriften der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) konkretisieren die gesetzlichen Arbeitsschutzpflichten in Deutschland. Besonders die DGUV Vorschrift 1 nimmt Führungskräfte in die Pflicht, Gefährdungen zu beurteilen und präventive Maßnahmen zu ergreifen. Damit ergänzen die DGUV-Vorgaben die internationalen Normen um rechtlich verbindliche Handlungsanforderungen für den betrieblichen Alltag.

 

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Gemeinsam diskutieren sie: Sind die Schlagzeilen über Arbeitsmoral, Quiet Cracking und KI-Verdrängung übertrieben – oder unterschätzen wir die psychische Belastung vieler Beschäftigter?

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Stress am Arbeitsplatz vermeiden: Tipps für Führungskräfte

Tiana-Christin Schuck empfiehlt Führungskräften, folgende Maßnahmen gegen psychische Belastung am Arbeitsplatz zu ergreifen:

  1. Auf Veränderungen achten: Menschen sind verschieden. Jede:r reagiere anders auf Stress. Dennoch gebe es Warnzeichen, die sich als erkennbare Veränderungen im Verhalten zeigen. Dazu gehöre, wenn Arbeitnehmende sehr nervös seien, ständig sarkastische Bemerkungen machten oder zu weinen anfingen. Oder wenn die Arbeitsqualität nachließe oder Konflikte an der Tagesordnung seien.
  2. Im Kontakt bleiben: „Warnsignale kann man nur abschätzen, wenn man eine Veränderung wahrnimmt. Um eine Veränderung zu erkennen, muss ich meine Leute kennen und zu ihnen regelmäßig Kontakt haben.“ Deshalb sei es in Zeiten, in denen viele ortsflexibel arbeiten, wichtig, sich regelmäßig virtuell oder per Telefon auszutauschen und in Online-Gesprächen die Kamera anzuschalten.
  3. Ansprechen: Nehmen Führungskräfte Veränderungen wahr, sollten sie die betroffenen Personen in einem persönlichen Gespräch darauf ansprechen. Dabei sei es entscheidend, sensibel und wertschätzend zu kommunizieren und auf Bewertungen, Interpretationen und vorschnelle Vorschläge zu verzichten. „Drücken Sie lieber Ihre Beobachtung aus und stellen Sie offene Fragen wie etwa: ‚Was ist los?‘“.
  4. Geeignete Maßnahmen gegen psychische Belastung ergreifen: Welche Möglichkeiten Führungskräfte hätten, hänge nicht zuletzt von den Ursachen für die psychische Überlastung ab. Machtlos seien sie in der Regel nicht. „Ich habe es noch nie erlebt, dass man gar nichts machen konnte.“ Je nach der individuellen Situation biete es sich zum Beispiel an, Arbeitszeiten flexibler zu gestalten, Arbeitsaufgaben anders zu gestalten oder anders zu verteilen. Manchmal sei eine Konfliktmoderation im Team empfehlenswert. Ebenso können Maßnahmen zum gezielten Stressmanagement, etwa durch Workshops oder individuelle Unterstützungsangebote, dazu beitragen, mit psychischer Belastung besser umzugehen.

Wichtig: Führungskräfte haben auch eine Fürsorgepflicht anderen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern gegenüber. Deshalb sollten sie nicht nur fördern (also Unterstützung anbieten und entlasten), sondern durchaus auch fordern (z.B. appellieren, sich selbst Unterstützung zu suchen).

Ein offener und sicherer Umgang miteinander ist der Schlüssel zur Resilienz

Tiana-Christin Schuck ist überzeugt: „Teams, die offen und verlässlich miteinander umgehen, sind die Teams, die sich schneller auf neue Situationen einstellen können.“ Ein solcher Umgang lasse sich lernen und er zahle sich auf vielen Ebenen aus, nicht zuletzt durch eine höhere Produktivität. Ein strukturiertes Stressmanagement auf Team- und Organisationsebene stärkt zusätzlich die Resilienz gegenüber dauerhafter Belastung.

Darum sei es entscheidend für Führungskräfte, im Umgang mit Mitarbeiter:innen die psychische Gesundheit am Arbeitsplatz mitzudenken. „Wir haben nur eine Gesundheit. Körper, Psyche und Soziales lassen sich nicht voneinander trennen, sie wirken als Einheit zusammen.“

Viele Aspekte rund um die psychische Gesundheit am Arbeitsplatz werfen in der Praxis konkrete Fragen auf. Die wichtigsten Antworten haben wir im folgenden FAQ-Bereich für Sie zusammengestellt.

FAQ

Was bedeutet psychische Belastung am Arbeitsplatz?

Psychische Belastung am Arbeitsplatz ist die Gesamtheit aller Einflüsse aus Arbeitsaufgaben, Arbeitsorganisation oder Arbeitsumfeld, die auf Mitarbeitende einwirken. Im Zusammenspiel mit den Voraussetzungen im Menschen (wie etwa Bewältigungsstrategien) können sie sich positiv in Form von Arbeitszufriedenheit oder Motivation oder negativ wie etwa Erschöpfung bis hin zu Erkrankung auswirken.

Typische Beispiele sind hoher Zeitdruck, Arbeitsverdichtung, Schichtarbeit, unklare Rollenverteilungen, fehlende Pausen, ständige Arbeitsunterbrechungen, Konflikte im Team oder mangelnde Wertschätzung. Auch dauerhafte Erreichbarkeit oder unsichere Arbeitsverhältnisse können Mitarbeitende psychisch belasten.

Fragebögen dienen dazu, psychische Belastung systematisch zu erfassen und auszuwerten. Sie helfen Arbeitgeber:innen, Stressfaktoren und mögliche Risiken für Mitarbeitende frühzeitig zu erkennen. Auf dieser Grundlage können gezielte Maßnahmen zur Prävention und Verbesserung der Arbeitsbedingungen entwickelt werden.

Typische Symptome sind anhaltende Erschöpfung, Konzentrationsprobleme, Gereiztheit, Schlafstörungen oder häufige Fehler. Auch körperliche Beschwerden wie Kopf- oder Rückenschmerzen können auftreten. Zeigen Mitarbeitende über längere Zeit solche Anzeichen, kann dies auf eine psychische Überlastung hindeuten.

  1. Prioritäten setzen: Aufgaben nach Wichtigkeit ordnen und realistische Tagesziele definieren.
  2. Pausen einplanen: Regelmäßige Erholungsphasen helfen Mitarbeitenden, leistungsfähig zu bleiben.
  3. Arbeitszeiten strukturieren: Klare Anfangs- und Endzeiten reduzieren Dauerstress.
  4. Zeitdruck reduzieren: Aufgaben frühzeitig planen und Pufferzeiten (30-40%) einbauen.
  5. Aufgaben delegieren: Verantwortung im Team verteilen, statt alles selbst zu übernehmen.
  6. Störungen minimieren: E-Mail- und Meetingzeiten bündeln, um konzentriert arbeiten zu können.
  7. Bewegung integrieren: Kurze Spaziergänge oder Dehnübungen bauen Stress ab.
  8. Offen kommunizieren: Belastungen frühzeitig bei Führungskräften oder Kolleg:innen ansprechen.
  9. Stressmanagement nutzen: Trainings oder Coachings zur Stressbewältigung in Anspruch nehmen.
  10. Grenzen setzen: Eigene Belastungsgrenzen erkennen und Überforderung klar benennen.     

Entdeckt, erklärt, erzählt

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Michaela Paul, Mitarbeiterin der TÜV NORD Akademie

Michaela Paul

Produktmanagerin Produktlinie Qualität, Umwelt, Arbeits- und Gesundheitsschutz, TÜV NORD Akademie GmbH & Co. KG