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Qualitätsmanagement

Revision der ISO 9001: Die wichtigsten Änderungen und Tipps

Revision 9001 überführt technische Anforderungen in belastbare Praxis. Statt theoretischer Optimierung stehen messbare Ergebnisse im Fokus. Erfahren Sie, welche Stellschrauben entscheidend sind — und worauf Unternehmen bei der Weiterentwicklung ihrer Systeme unbedingt achten sollten

19. Januar 2026

Neue Fassung der DIN EN ISO 9001

Im Herbst 2026 ist es so weit: Erstmals nach über zehn Jahren wird eine neue Fassung der DIN EN ISO 9001 veröffentlicht

Wir haben uns mit Werner Lobinger, Geschäftsführer VIA Management Consulting, darüber unterhalten, 

  • welche Änderungen die neue ISO 9001 mit sich bringt,
  • was diese für Unternehmen bedeuten und
  • wie sich Verantwortliche im Qualitätsmanagement jetzt vorbereiten können.  

Wie sieht der Zeitplan für die Veröffentlichung aus?

Derzeit befindet sich der Revisionsprozess im fortgeschrittenen Stadium

Das bedeutet:  

  • Seit September 2025 liegt der Draft International Standard (DIS) vor. Im nächsten Schritt erarbeitet das Technische Komitee als finalen Entwurf den ISO/FDIS (Final Draft International Standard). Größere Änderungen sind aber nicht mehr zu erwarten.
  • Veröffentlicht wird die neue ISO 9001 wohl im Herbst 2026 unter dem Namen ISO 9001:2026.
  • Aller Voraussicht nach wird es wie bei früheren Revisionen eine Übergangsfrist von drei Jahren geben. Bestehende ISO-9001-Zertifikate müssen also spätestens bis Herbst 2029 auf die neue Version umgestellt sein.  

Welche Änderungen bringt die ISO 9001:2026?

Über die Ausrichtung der neuen ISO 9001 gab es im Vorfeld eifrige Diskussionen.

Werner Lobinger erinnert sich: „Die einen wollten neue Schwerpunkte setzen. Die anderen bevorzugten – auch wegen der aktuellen volatilen wirtschaftlichen Lage – eine Konsolidierung mit leichten Anpassungen.“ 

Durchgesetzt hat sich die zweite Gruppe. Das bedeutet aber nicht, dass alles bleibt, wie es war.

Eine Änderung war schon weit vorab bekannt: Die ISO 9001, die bisher noch der High Level Structure folgte, wird an die Harmonized Structure (HS) angepasst.  

Inhaltlich sieht Werner Lobinger vier zentrale Neuerungen:

Die ISO 9001:2026 geht explizit auf den Klimawandel ein: 

  • Unternehmen müssen bewerten, ob dieser ein für ihr Qualitätsmanagement relevantes externes Thema ist. 
  • Außerdem müssen sie prüfen, ob Stakeholder:innen wie Kund:innen oder Partnerunternehmen Anforderungen in Bezug darauf haben, und diese berücksichtigen. 

Wirklich neu sind diese Vorgaben nicht. Schließlich wurden sie schon 2024 in einem Amendment eingebracht. Jetzt aber tauchen sie zum ersten Mal im Normtext auf – ein klarer Beleg für die wachsende Bedeutung des Themas Klimawandel, auch im Qualitätsmanagement.

Die neue ISO 9001 verlangt, dass die oberste Leitung eines Unternehmens Qualitätskultur und ethisches Verhalten aktiv und nachweisbar fördert.  

Damit, so Werner Lobinger, greife sie eine häufige Schwachstelle in deutschen Unternehmen auf. „Für manche Geschäftsführer:innen ist die Zertifizierung nur eine Notwendigkeit, die sie mit möglichst wenig Aufwand erreichen wollen. Das bekommen die Mitarbeitenden natürlich mit.“ Im Arbeitsalltag spiele Qualitätskultur keine oder kaum eine Rolle.  

In Zukunft müssen Unternehmen sowohl Risiken als auch Chancen bestimmen, analysieren und bewerten sowie eine Risiken- und Chancenbehandlung durch eine entsprechende Dokumentation nachweisen.  

Neu daran ist, dass Chancen in den Blick genommen werden. „In Deutschland liegt das Augenmerk oft einseitig auf den Risiken, zum Beispiel bei neuen Technologien wie künstlicher Intelligenz. Dabei vernachlässigen Unternehmen, Mitarbeitende rechtzeitig mit den Möglichkeiten dieser neuen Technologie vertraut zu machen.“ 

Die vierte zentrale Neuerung stehe nicht explizit im Text der Norm, so Werner Lobinger, lasse sich aber vor allem aus dem Anhang herauslesen: Die ISO 9001:2026 betone individuelle Herangehensweisen stärker als frühere Fassungen: „Für manche Unternehmen ist KI ein großes Thema, für andere, zum Beispiel Handwerksbetriebe, nicht. Dasselbe gilt für Nachhaltigkeit. Entscheidend ist, den eigenen Kontext zu betrachten.“  

Qualitätsmanagement und Klimawandel: Zu einem häufigen Missverständnis 

Im Kontext der ISO 9001 geht es nicht darum, welche Auswirkungen ein Unternehmen auf den Klimawandel hat, sondern wie sich dieser auf die Qualität der eigenen Produkte und Dienstleistungen auswirken könnte. „Die Auswirkungen sind sehr individuell“, betont Werner Lobinger. „Groß sind sie zum Beispiel in der Landwirtschaft, aber auch, wenn ein Just-in-time-Zulieferer für die Automobilindustrie in einem potenziellen Überschwemmungsgebiet angesiedelt ist. Im Krankenhaus vermehren sich Pilze schneller durch wärmere Temperaturen, und die Gefahr von Schlaganfällen steigt. In irgendeiner Form betroffen sind die meisten Unternehmen.“ 

Nachholbedarf und Tipps für mehr Qualität

Die Revision der ISO 9001 bietet die Möglichkeit, eingefahrene Prozesse im Qualitätsmanagement zu überdenken und zu optimieren.

Werner Lobinger sieht vor allem in zwei Bereichen Nachholbedarf

Verständnis von Qualität 

„Das Verständnis von Qualität beschränkt sich immer noch oft auf die Produktqualität. Aber je nach Branche erweitern Kund:innen den Qualitätsbegriff.“ Zum Beispiel legten sie hohen Wert auf die Arbeitsbedingungen in der Produktion oder den ökologischen Fußabdruck. „In diese Richtung denken Unternehmen noch zu wenig.“  

Lebendige Qualitätskultur 

„Oft scheitern Qualitätsmanagementsysteme an einer fehlenden Qualitätskultur. Es gibt zwar ein schönes Leitbild, das von Werten wie Offenheit, Ehrlichkeit und Transparenz spricht, aber die Realität sieht anders aus.“ 

Dabei gäbe es viele Möglichkeiten, die Qualitätskultur in einem Unternehmen nachhaltig zu fördern und damit die eigene Wettbewerbsfähigkeit langfristig zu erhalten. 

Einige Beispiele: 

  • Führung als Vorbild: Entscheidend ist, dass Führungskräfte mit gutem Beispiel vorangehen. Das beginnt damit, dass sie an Besprechungen und Audits teilnehmen, pünktlich sind und Ziele selbst mit Abteilungsleiter:innen vereinbaren. Werner Lobinger empfiehlt Geschäftsführer:innen außerdem, die Managementbewertung selbst einmal im Jahr als Review und Zielmeeting mit der nächsten Führungsebene durchzuführen.
  • Mitarbeitende einbinden: Ein digitales Ideenmanagement mit Belohnungssystem, offene Foren und/oder Team-Workshops zur Prozessoptimierung fördern die aktive Teilnahme.
  • Werte in Prozesse integrieren: Qualitätsthemen sollten ein fester Bestandteil von Routinebesprechungen sein und Fehler offen angesprochen werden, um daraus zu lernen. Werner Lobinger fällt in diesem Zusammenhang ein Bauunternehmen ein, das regelmäßig den „Bock der Woche“ kürt. In Zeiten, in denen viele ältere Arbeitnehmende in Rente gehen, sei es außerdem essenziell, rechtzeitig einen Wissenstransfer zu planen. 
  • Schulung und Sensibilisierung: Für einen reibungslosen Start sollten neue Mitarbeitende systematisch in Qualitätsmanagement, Arbeitssicherheitsmanagement und Umweltmanagement geschult werden. Genauso wichtig seien Wiederholungsschulungen zu Werten und Grundsätzen – am besten in unterschiedlichen Formaten mit Fallbesprechungen oder sogar als Gamifikation.
  • Messung und Feedback: Durch regelmäßige Mitarbeiterbefragungen lässt sich überprüfen, ob und inwiefern die eigenen Maßnahmen Früchte tragen.  

Kein Richtungswechsel, aber ein guter Anlass für Optimierungen

Die lang erwartete Revision der ISO 9001 betont „emerging trends“ wie Nachhaltigkeit und künstliche Intelligenz weniger stark als es manche Beobachter:innen erwartet hätten. Statt um eine grundlegende Erneuerung handelt es sich um eine moderate Anpassung, die den unterschiedlichen Rahmenbedingungen und Bedürfnissen verschiedener Unternehmen Rechnung trägt.  

Trotzdem tun Verantwortliche im Qualitätsmanagement gut daran, sich mit den Änderungen der Norm auseinanderzusetzen und diese als Chance zu sehen, gezielt an einer lebendigen Qualitätskultur zu arbeiten. So sind sie auf die Herausforderungen der nächsten Jahre vorbereitet, mit und ohne Zertifizierung.  

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Silke Liehr, Produktmanagerin der TÜV NORD Akademie

Silke Liehr

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