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Coronavirus

Was tun gegen die Panik?

© Getty Images

26. März 2020

Geschlossene Schulen, stillgelegte Fabriken, soziale Distanzierung, Ausgangs­beschränkungen und täglich steigende Fallzahlen: Das Corona­virus hat unseren Alltag in kürzester Zeit auf den Kopf gestellt. Die Sorge um die eigene Gesundheit und wirtschaftliche Existenz kann dabei leicht in Panik umschlagen. Was gegen die Angst hilft und wie man vermeidet, die eigene Panik auf andere zu übertragen, erklärt Psychologe Michael Bogus von TÜV NORD.

 

#explore: Herr Bogus, die Corona-Krise hat aktuell auch unseren emotionalen Alltag fest im Griff. Welche psychologischen Mechanismen werden in so einer Krisen­situation wirksam?

Michael Bogus: In einer Krisensituation treten alle unsere Charaktereigenschaften und Grundeinstellungen deutlicher hervor: Ist jemand allgemein eher vorsichtig, zurück­haltend und ängstlich, werden diese Züge momentan maximiert. Ebenso können wir beobachten, dass grund­sätzlich naive und verdrängende Persönlichkeits­typen verstärkt versuchen, reale Risiken auszublenden – frei nach dem Motto: Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

Der zweite wichtige Einfluss­faktor ist natürlich die Erfahrung des Kollektivs. Wir haben als Menschen die Fähigkeit, uns empathisch beeindrucken zu lassen: Wenn jemand traurig ist, rührt uns das an; wenn jemand lacht, lachen wir auch. Bei Ängsten ist es ebenso. Wenn wir erleben, dass die Gruppe um uns herum panisch ist, lassen wir uns anstecken – dagegen können wir uns kaum wehren. Wird diese Angst auch noch medial befeuert, entsteht ein eben­solcher Zustand, in dem wir uns gerade befinden. Diese Angst nimmt aktuell bei vielen Menschen sehr konkrete Formen an: Warum hamstern die Leute ausgerechnet Klo­papier? Weil sie richtig Angst haben!

„Warum hamstern die Leute ausgerechnet Klo­papier? Weil sie richtig Angst haben!“

Michael Bogus, Diplom­psychologe

Was kann ich tun, um nicht in Panik zu verfallen?

Wir müssen jetzt mündig werden. In den sozialen Netzwerken kursieren viele Falsch­meldungen, die Panik schüren. Sie zu verfolgen oder auch stunden­lang Informations­sendungen in Radio und im Fernsehen anzuschauen über­fordert emotional und führt oft zu Verwirrung. Ohnehin sind die zentralen Fakten ja mittler­weile bekannt. Die Entscheidungen liegen in den Händen der Politik. Wir können jetzt eigentlich nicht mehr machen, als zu Hause zu bleiben und best­möglich dafür zu sorgen, uns und andere nicht zu infizieren. Wer aus Panik tatsächlich nicht mehr schlafen kann, bräuchte eigentlich psychologische Beratung – und das ist momentan natürlich schwierig. Aber auch Entspannungs­techniken und vor allem Spazier­gänge an der frischen Luft sind gut und wichtig zur Entlastung. Und letztere sind ja nach aktuellem Stand auch nach wie vor erlaubt.

Einer der größten Stress- und Angst­faktoren ist momentan sicher die unklare zeitliche Perspektive. Wenn wir wüssten, dass dieser Aus­nahme­zustand etwa noch sechs Wochen dauert, könnten wir uns darauf einstellen. Ohne eine solche konkrete Perspektive entsteht große Unsicherheit, ein Gefühl der Ohn­macht und damit ein anhaltender Stress­faktor, mit dem nun jeder umgehen muss. Die Medien über­nehmen aktuell vor allem eine Rolle als Warner und versuchen, den Ernst der Lage zu vermitteln. Das ist sicher auch not­wendig, um unvorsichtiges Verhalten zu verhindern. Aber jeder einzelne Mensch braucht zugleich auch Beruhigung und Zuspruch – nicht durch Beschwichtigung, Verharmlosung und falsche Fakten, sondern durch die persönliche Botschaft: Wir schaffen das und stehen diese Krise gemeinsam durch. Entscheidend ist daher nun, sich nicht alleine zu fühlen. Wir können miteinander telefonieren oder über das Internet kommunizieren, um einander wenn nicht physisch, dann moralisch zu unter­stützen. Diese emotionale Solidarität ist jetzt unheimlich wichtig.

 

Wann wird meine Angst zum Problem für mich und für andere?

Wenn ich damit wie ein Virus ansteckend bin! Dagegen ist es gut und hilfreich, einander die eigenen Gefühle und Sorgen offen zu kommunizieren. Ich kann einen Freund anrufen oder meiner Partnerin sagen: Ich mache mir Sorgen – ich weiß nicht, wie das weiter­geht. Das ist eine emotionale, persönlich betroffene Botschaft, auf die der oder die andere verständnis­voll reagieren kann. Dramatische Wort­wahl, hektischen Aktionismus und die Verbreitung ungeprüfter Informationen sollte ich aber bewusst vermeiden, um eben andere nicht mit meiner Angst zu infizieren.

 

Wie können Eltern mit ihren Kindern über das Virus sprechen?

Ich darf natürlich meine Panik nicht auf die Kinder übertragen. Die eigene Angst einfach zu unter­drücken wäre allerdings ebenfalls nicht ratsam. Das führt schnell dazu, dass man gereizt agiert und das Klima zu Hause vergiftet. Statt­dessen sollte man die eigenen Gefühle gefasst, aber durchaus authentisch vermitteln. Ich kann mein Kind in den Arm nehmen und sagen: Das ist jetzt wirklich eine schwere Zeit, so etwas haben wir auch noch nicht erlebt, aber wir schaffen das gemeinsam. Denn reine Informationen sind insbesondere für jüngere Kinder zweit­rangig, man muss ihnen vor allem das Gefühl geben, wir als Eltern sind für dich da und du bist nicht alleine.

„Die eigene Angst einfach zu unter­drücken ist nicht ratsam.“

Michael Bogus, Diplom­psychologe

In den vergangenen Wochen machten ja auch Bilder und Geschichten von sogenannten Corona-Partys die Runde. Wo wird allzu große Sorglosigkeit zum Problem für die Allgemeinheit?

Hinter dieser vermeintlichen Sorglosigkeit steckt tatsächlich eine Verdrängung der eigenen Angst. Und Verdrängung funktioniert besonders gut im Kollektiv: Ich fühle mich in meiner Position bestätigt und habe zugleich das Gefühl, nicht alleine zu sein. Aus Sicht der Allgemeinheit ist das natürlich gefährlich. Die Konsequenz sind die aktuellen Ausgangs­beschränkungen, die ein solches Verhalten unter­binden sollen. Dabei ist allerdings unter Virologen durch­aus umstritten, wie gut das Virus an der frischen Luft über­tragen wird.

Ein mindestens ebenso großes Problem wie feiernde Jugendliche sind aus meiner Sicht unflexible Bürokraten oder schlecht durchdachte Schutz­maßnahmen. Ich habe es gerade selbst beim städtischen Postcenter erlebt: Da durften die Leute nur einzeln hinein, aber vor der Tür im Ein­kaufs­center drängte sich eine Schlange von 70 Menschen. Das ist unverantwortlich, schließlich sind das genau die Situationen, in denen die Krankheit übertragen werden kann.

Wenn man im Supermarkt vor dem leer geräumten Nudel-Regal steht, fühlt man sich selbst versucht, mehr einzukaufen, als man eigentlich bräuchte. Wie vermeide ich es, mich von der Angst anderer anstecken zu lassen?

Das Virus ist ja für uns zunächst eine merkwürdig ungreifbare Gefahr. Wenn ich selbst keine Symptome habe, spüre ich es nicht. Und kaum jemand von uns hat bislang selbst einen stark an Corona Erkrankten zu Gesicht bekommen. Für die meisten von uns wird diese Bedrohung also erst dann konkret und greifbar, wenn sie vor dem leeren Regal stehen. Und hier kommt es dann zu einem tiefen inneren Konflikt: Einerseits sind wir angehalten, möglichst selten das Haus zu verlassen. Anderer­seits signalisiert mir mein Instinkt angesichts der leeren Regale, dass ich zugreifen sollte, um nicht den Zugang zu den Lebens­mitteln zu verlieren. Dann entscheiden sich die meisten für das Brot in der Hand und nicht für die Rücksicht gegen­über den anderen.

Allerdings wird jemand, der im Alltag sozial agiert, auch in der Krise im Regel­fall nicht zum Egoisten mutieren. Ein solcher Mensch muss sich auch keine Sorgen machen, dass es ihm an Mehl mangeln wird, wenn er sich nicht an Hamster­käufen beteiligt. Denn er kann sich auf sein soziales Unter­stützungs­system verlassen – schließlich ziehen wir im Allgemeinen Menschen an, die ähnlich ticken wie wir. Freundliche und hilfs­bereite Menschen haben meist keine Freunde, die egoistische Geizhälse sind. Jemand, der hamstert, ist dagegen oft auch sozial vereinsamt. Der kann sich gar nicht vorstellen, dass andere ihm etwas abgeben und ihn unter­stützen.

 

Während die einen hamstern, organisieren andere Hilfe­gruppen für Menschen in Quarantäne. Wie können wir dafür sorgen, dass die Solidarität gegenüber dem Egoismus die Oberhand behält?

Indem wir medial die positiven Beispiele und solidarischen Aktionen stärker in den Vorder­grund rücken. Bislang gehen diese oft noch hinter den Schreckens­meldungen unter. Es geht dabei natürlich nicht um Durch­halte­parolen, sondern um Ideen und Beispiele, wie wir einander helfen und uns unter­stützen können, die dann im positiven Sinne ansteckend wirken.

 

Kann diese Krise auch eine Chance sein, unsere Gesellschaft neu und gemeinschaftlicher zu denken?

Da bin ich nicht so optimistisch. Erfahrungs­gemäß möchten die meisten Menschen nach einer Krise möglichst schnell wieder zur Normalität zurück­kehren. Beispiels­weise nach dem Selbst­mord des Fußball-National­tor­warts Robert Enke gab es eine große Welle des Mit­gefühls und einen allgemeinen Ruf nach einem tabu­freien Umgang mit Depression. Viel ist dann aller­dings nicht passiert. Insofern halte ich eine Veränderung unserer Gesamt­gesellschaft für wenig wahrscheinlich. Allerdings kann es sicher bei einzelnen Menschen zu einem Umdenken und einer Neu­bewertung kommen, je nachdem was sie während dieser Krise in ihrem Umfeld persönlich erleben.

 

In den sozialen Medien findet man neben Schreckens­meldungen auch zahlreiche humorige Cartoons und Videoclips zur Corona-Krise. Hilft Humor gegen die Angst?

Uneingeschränkt: ja! Humor ist immer ein Ventil zur Entlastung – und zwar vom harm­losesten Witz bis zum schwärzesten Humor. Manche sind ja der Auffassung, dass man über solche ernsten Dinge keine Witze machen darf. Das halte ich für eine unangemessene moralistische Bewertung. Wenn ich spontan über etwas lache, gibt es keinen Grund, sich dafür zu schämen, weil es mich entlastet, ohne anderen zu schaden. Die ethische Grenze verläuft natürlich da, wo Witze auf Kosten anderer Menschen gemacht werden. Davon abgesehen ist Humor eine große Hilfe, um gerade auch schwere Dinge wie eine Krise leichter zu ertragen.

ZUR PERSON

Michael Bogus ist Diplom­psychologe und fachlicher Leiter von Nord-Kurs (Vor­bereitung Medizinisch-Psychologische Unter­suchung [MPU] bei TÜV NORD).