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Steckbrief

Anke Odrig: Die Revolutionärin der Kita-Suche

© Anke Odrig

10. Juni 2021

Ellenlange Wartelisten, unzählige Telefonate – für viele Eltern ist die Kita-Suche ein nervenaufreibender Marathon mit ungewissem Ausgang. Diese Erfahrung machte auch Anke Odrig. Die ehemalige SAP-Managerin entwickelte deshalb LITTLE BIRD: eine Software, die Eltern die Suche und Kommunen die Verwaltung von Kitaplätzen erleichtert.

Name: Anke Odrig

Alter: Jahrgang 1975

Beruf: Geschäftsführerin

Website:  www.little-bird.de

Was ist LITTLE BIRD?

Die LITTLE BIRD GmbH ist ein IT-Unternehmen mit Sitz in Berlin. Unser Softwareprodukt revolutioniert die Anmeldung, Vergabe und Verwaltung von Kinderbetreuungsplätzen. Wir sorgen dafür, dass Eltern bessere und faire Chancen auf einen Kitaplatz haben, dass Kitaleitungen von täglichen Verwaltungsaufgaben entlastet werden und dass städtische Verwaltungen die Zukunft ihrer Kinderbetreuung zuverlässig und digital gestalten können. Über diesen Prozess organisieren momentan über 8.000 Kitas, knapp 1.800 Träger und über 250 Städte und Gemeinden die Anmeldung, Vergabe und Verwaltung ihrer Kindertagesbetreuung – verbindlich, rechtssicher und datenschutzkonform.

Wie ist die Idee entstanden?

Ich war 2006 auf der Suche nach einem Kitaplatz für meinen ersten Sohn und schockiert von der Formularflut, Unsicherheit und Intransparenz. Ich war es als Vielreisende damals schon gewohnt, dass man Flüge, Tickets, Hotels und alles, was mit begrenzten Plätzen zu tun hat, online buchen kann. Mir wurde dann schnell klar, dass von den starren Strukturen, der Papierbürokratie und den komplizierten Wegen nicht nur die Eltern, sondern auch Kommunen, Verwaltungen, Träger, Kitas betroffen waren. Ich beschloss, eine umfassende digitale Lösung für alle Beteiligten zu schaffen, und ging 2009 mit LITTLE BIRD an den Markt.

„Für Eltern bedeutet die Nutzung von LITTLE BIRD in erster Linie eine enorme Steigerung der Transparenz.“

Anke Odrig, Entwicklerin von LITTLE BIRD

Wie erleichtert LITTLE BIRD den Eltern die zeitaufwendige und nervenaufreibende Kita-Suche?

Für Eltern bedeutet die Nutzung von LITTLE BIRD in erster Linie eine enorme Steigerung der Transparenz. Schlangestehen vor Kindergärten, Warten auf Rückmeldung, Nachrichten auf Anrufbeantwortern, unbeantwortete E-Mails und wiederholtes Ausfüllen von Anmeldeformularen in mehreren Kitas gehören der Vergangenheit an. Eltern können sich online über die Profile der Kitas in ihrem Umkreis informieren und mit vielen möglichen Filtern passende Einrichtungen aussuchen. Alle Online-Anmeldungen für ein Kind landen dann auf einer vernetzten Warteliste. LITTLE BIRD sorgt im Vergabeprozess für mehr Chancengleichheit, weil ein Kind zu einem Zeitpunkt nur ein Platzangebot erhalten kann und nicht mehrere, während andere Familien leer ausgehen oder sehr lange warten müssen. Ganz wichtig ist für Eltern jedoch auch die Dokumentation ihrer Bedarfsmeldung. Endlich haben Eltern durch den digitalen Service auch einen Nachweis, falls es mit der Kinderbetreuung doch nicht rechtzeitig funktioniert und man klären muss, wie die nächsten Schritte aussehen. LITTLE BIRD stärkt somit die Rechte der suchenden Eltern.

Wie kommt das Portal Kommunen und Kitas zugute?

Im Portal von LITTLE BIRD präsentieren Kitas das individuelle Angebot ihrer Einrichtung – übersichtlich und filterbar, zum Beispiel nach Öffnungszeiten oder pädagogischer Ausrichtung. Das Matching wird optimiert, denn Kitas bekommen nur noch von denjenigen Eltern Platzanfragen, die sich mit dem Angebot identifizieren. Wartelisten werden dadurch per se kürzer. Die Platzvergabe erfolgt dann in einer Runde, weil alle Wartelisten vernetzt sind und automatisch bereinigt werden, sobald ein Kind einen Platz erhalten hat. Verwaltungen beziehungsweise Jugendämter in Städten und Gemeinden, Träger und Kitaleitungen arbeiten vorrangig mit der Verwaltungssoftware, die im Hintergrund eine gemeinsame Datenbasis schafft und alles rund um Kommunikation, Verträge, Abrechnungen, Statistiken, Nachweise und mehr abbildet. Es entsteht ein lückenloser digitaler Prozess von der Anmeldung bis zum Vertragsende. Unsere Städte und Gemeinden wissen genau, wo Plätze fehlen oder wie viele und welche Kinder nicht versorgt werden können. Mit dieser Datenbasis lassen sich viel genauer entsprechende Ausbaupläne in der Bedarfsplanung abbilden oder Hilfen im konkreten Fall leisten.

Wie hat sich LITTLE BIRD seit der Gründung 2009 entwickelt?

Nachdem wir in den ersten Jahren in den Rathäusern und Kommunen viel Überzeugungsarbeit leisten mussten, als Behörden einem Start-up aus Berlin zu vertrauen und mit LITTLE BIRD in die Zukunft zu investieren, sind wir 2010 mit unserem Pilotprojekt in der Stadt Heidenau in Sachsen gestartet. Vier weitere Jahre – bis 2014 – brauchten wir für weitere fünf Kommunen, es war mühsam damals. Seitdem ist LITTLE BIRD regelrecht „durch die Decke gegangen“, sodass wir inzwischen in über 250 Kommunen in zehn Bundesländern im Einsatz sind. Monatlich kommen mehrere neue hinzu, darunter Großstädte wie Köln und Hanau, aber auch kleine Gemeinden mit nur wenigen Einrichtungen. Unsere Stärke sehen wir darin, gemeinsam mit den Kommunen das Angebot, die Funktionen und die Möglichkeiten mit LITTLE BIRD stetig weiterzuentwickeln.

Die größte Herausforderung war …

Je Bundesland oder auch je Stadt gibt es sehr viele Besonderheiten, die bei einem deutschlandweiten Standardansatz oft zu glühenden Köpfen führen. Jede Kommune soll sich unter den gegebenen Umständen im System wiederfinden. Wir müssen uns dann jeden einzelnen Fall ganz genau anschauen, um alle Wünsche zu erfüllen. Alle Konfigurationen werden mit den städtischen Auftraggebern abgestimmt und besprochen. Manchmal werden dann sogar weniger Möglichkeiten ausgeschöpft, als das System eigentlich bietet. Zum Beispiel könnte mit LITTLE BIRD eine unbegrenzte Anzahl von Anmeldungen der suchenden Eltern erfasst werden, die Städte nutzen aber nur drei oder vier. Dies führt auf Elternseite zu Unverständnis und Irritationen gegenüber der Software, dabei liegt es nur an der Entscheidung der Kommunen, wie sie das System für sich nutzen möchten. Das nicht persönlich zu nehmen ist immer noch eine Herausforderung, da wir eigentlich angetreten sind, den Eltern den bestmöglichen Service zu bieten.

Ausgerechnet an Ihrem Firmensitz in Berlin ist das Portal noch nicht verfügbar. Woran hakt es in der Hauptstadt?

Wir sind seit Jahren immer wieder im Gespräch mit den entscheidenden Berliner Akteuren im Themenfeld Digitalisierung. Viele sind überzeugt von LITTLE BIRD, doch Berlin hat sich für eine eigens entwickelte Lösung entschieden. Wir erhalten viel Feedback von den Berliner Eltern, das nicht positiv ist. Wir sind davon überzeugt, dass LITTLE BIRD und Berlin sehr gut zusammenpassen würden, denn die Problemstellungen, die uns seitens der Eltern, Kitas und Träger stetig erreichen, wären durch LITTLE BIRD gut gelöst. Viel besser als jetzt.

Wie soll es mit LITTLE BIRD weitergehen?

Wir würden es natürlich begrüßen, wenn LITTLE BIRD suchenden Eltern in ganz Deutschland zur Verfügung steht, unabhängig davon, wie weit die Digitalisierung der einzelnen Kommunen bereits fortgeschritten ist. Daran arbeiten wir gerade. Außerdem möchten wir noch weitere Services anbieten, die Eltern das Leben leichter machen: Ganz neu ist dabei unsere KIKOM-App zur Kommunikation mit den Einrichtungen – sehr wichtig in Corona-Zeiten, um zum Beispiel Krankmeldungen per Klick zu erledigen oder aktuelle Infos schnell weitergeben zu können.

Welches digitale Produkt muss erst noch erfunden werden?

Eine individualisierbare Such-App für alles Mögliche, nicht nur für Schlüssel und Handy. Ich suche ständig irgendwas.

Auf welches könnten Sie verzichten?

E-Book-Reader, denn wenn ich schon mal Zeit zum Lesen finde, dann bevorzuge ich ein richtiges Buch zum Anfassen.

Hätten Sie gerne einen Haushaltsroboter?

Ja, eindeutig, um Wäscheberge zusammenzulegen. Waschen und Trocknen funktioniert schon ganz gut, aber im Moment legt noch kein Haushaltshelfer die gewaschene Wäsche zusammen und räumt sie in die Schränke.

Welche technische Anwendung wird Ihnen immer ein Rätsel bleiben?

Der Drucker. Seit Beginn meines Berufslebens stehe ich mit jedem einzelnen der vielen Modelle, die ich schon mal im Einsatz hatte, quasi auf Kriegsfuß.

Wann waren Sie das letzte Mal 24 Stunden offline?

Vor zwei Jahren im Sommer für fast fünf Tage – extra herbeigeführt und aufwendig vorbereitet.

Urlaub ohne WLAN: Traum oder Albtraum?

Wie schon gesagt, wir hatten 2019 extra einen Wanderurlaub ohne WLAN und sonstige elektrische Gerätschaften gebucht. In den Jahren zuvor sind wir immer nach Schweden gefahren, auch dort gab es zumindest kleine kurze digitale Auszeiten, weil es einfach nicht an jedem abgelegenen Ort WLAN gab. Vor zwei Jahren wollten wir es mal zu hundert Prozent erleben, ob das immer noch funktioniert: komplett ohne Handy, Laptop und Fernsehen. Damit wir als Eltern von unseren vier Jungs nicht in den ersten Stunden umgebracht werden, hatten wir extra einen Aktivurlaub gebucht und das Experiment in die Alpen nach Österreich verlagert. Schon am zweiten Tag wurde alles besser, und wir hatten eine sehr intensive und schöne Familienzeit.

 

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