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Steckbrief

Tobias Polsfuß: Der Botschafter für inklusive WGs

© Daniela Buchholz

15. April 2021

Vor rund acht Jahren zog Tobias Polsfuß in eine Wohngemeinschaft für Menschen mit und ohne Behinderung. Aus der eigenen Begeisterung über das inklusive Zusammenleben wurde bald eine Frage: Warum sind solche Wohnformen noch so wenig verbreitet? Um hier etwas zu ändern, startete er 2016 die Website wohnsinn.org – eine Informationsplattform für und über inklusive Wohngemeinschaften mit angeschlossener WG-Börse. Aus dem ehrenamtlichen Einmannprojekt ist mittlerweile ein Sozialunternehmen geworden, das inklusives Wohnen digital wie analog vorantreibt.

Name: Tobias Polsfuß

Alter: 28

Beruf: Geschäftsführer und Bundeskoordinator von WOHN:SINN – Bündnis für inklusives Wohnen e.V.

Website: www.wohnsinn.org

Was ist WOHN:SINN?

WOHN:SINN ist ein deutschlandweites Bündnis für inklusives Wohnen. Wir setzen uns dafür ein, dass Menschen mit Behinderung selbstbestimmt und in der Mitte der Gesellschaft leben. Dazu unterstützen wir Privatgruppen und Organisationen dabei, inklusive Wohnformen zu gründen und zu betreiben.

Wie ist die Idee entstanden?

Ich bin selbst vor knapp acht Jahren in eine inklusive WG in München gezogen. Dort lebe ich zusammen mit fünf Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern mit und drei ohne Behinderungen. Ich habe unser buntes Zusammenleben von Anfang an genossen und mich gleichzeitig gewundert, dass solche Wohnformen noch wenig bekannt sind. Aus der Verwunderung kam die Motivation für die Internetseite wohnsinn.org, die über inklusives Wohnen informiert. Gleichzeitig habe ich viele der Projekte persönlich besucht und mich mit ihnen ausgetauscht. Gemeinsam mit all den neuen Kontakten gründete ich dann 2018 das Netzwerk WOHN:SINN – Bündnis für inklusives Wohnen e.V.

Die Welt braucht WOHN:SINN, weil …

… Menschen mit Behinderungen in ihrer Lebensgestaltung leider immer noch stark benachteiligt sind. Beispielsweise wohnt rund die Hälfte der Erwachsenen mit sogenannten geistigen Behinderungen noch bei ihren Eltern. Der Großteil der anderen Hälfte lebt in institutionellen Settings wie Heimen, wo ihr Lebensalltag stark vorgegeben ist und sie wenig mit Menschen von außerhalb in Kontakt kommen. Dabei gibt es inklusive Wohnformen mancherorts schon seit über 30 Jahren.

Auf welche Weise unterstützt WOHN:SINN Menschen, die eine inklusive WG gründen wollen oder bereits in einer solchen leben?

Wir unterstützen sie durch ein breites Informationsangebot, unser Netzwerk sowie Öffentlichkeitsarbeit und Forschung. In unseren vier Regionalstellen in Köln, Bremen, München und Dresden können sich Projektgruppen und Organisationen kostenfrei bei der Gründung beraten lassen. Für Interessierte bieten wir Infoveranstaltungen online und hoffentlich bald auch wieder persönlich. Viele profitieren außerdem vom Austausch in unserem Netzwerk. Beispielsweise organisieren wir regelmäßige Treffen von Fachkräften in inklusiven Wohnformen und jedes Jahr ein buntes Wochenende für all unsere Mitglieder.

Was sind die größten Hürden bei der Gründung einer inklusiven Wohngemeinschaft?

Das unterscheidet sich etwas nach Projekt und Region. Privatgruppen haben oft viel mit den rechtlichen und finanziellen Hürden zu kämpfen. Den etablierten Trägern der Behindertenhilfe fällt es dagegen oft schwer, aus den alten Denkmustern und Angebotsstrukturen herauszukommen und sich auf den selbstbestimmten, flexiblen und familiären Charakter einer inklusiven Wohnform einzulassen. Vielerorts fehlen natürlich auch der passende Wohnraum und nicht allzu selten der politische Wille.

Was war für Sie im WG-Alltag die größte Überraschung?

Ich glaube, bei meinem Einzug dachte ich schon noch, dass ich vor allem etwas in die Gemeinschaft geben müsste und meine behinderten Mitbewohnerinnen und Mitbewohner eher nehmen würden. Mittlerweile finde ich ganz klar, dass alle profitieren. Zum Beispiel kocht jeden Abend jemand anders das Abendessen. Abgesehen von meinem Tag setze ich mich jeden Abend an den gedeckten Tisch. In welcher WG hat man das schon?

Und die größte Herausforderung?

Unsere Katze Marta und meine Allergie hatten am Anfang sehr miteinander zu kämpfen. Ansonsten ist es in einer Neuner-WG natürlich wichtig, sich auch mal abzugrenzen und seine Privatsphäre einzufordern. Da ich zu bestimmten Dienstzeiten meine behinderten Mitbewohnerinnen und Mitbewohner im Alltag unterstütze und zu anderen Zeiten dann auch einfach „nur“ Mitbewohner bin, ergibt sich manchmal ein gewisser Rollenkonflikt.

"Wir sammeln das Wissen erfolgreicher inklusiver Wohnprojekte und bereiten es für diejenigen auf, die selbst eine inklusive Wohnform gründen möchten."

Tobias Polsfuß, Gründer von WOHN:SINN

Was ist das Ziel des Projekts „Inklusiv wohnen – selbstbestimmt zusammenleben“?

Wir sammeln das Wissen erfolgreicher inklusiver Wohnprojekte und bereiten es für diejenigen auf, die selbst eine inklusive Wohnform gründen möchten. Dafür forschen wir, was gutes inklusives Wohnen ausmacht, bauen vier regionale Beratungsstellen auf und entwickeln unsere Website zu einer Lernplattform für inklusives Wohnen.

Wie soll es mit WOHN:SINN weitergehen?

Durch die Unterstützung der Aktion Mensch Stiftung und weiterer Förderer wurde Anfang 2020 aus unserem ehrenamtlichen Verein ein kleines Sozialunternehmen. Kürzlich wurden wir in das globale Netzwerk für gesellschaftliche Innovation Ashoka aufgenommen. Gemeinsam wollen wir unsere bestehenden Online- und Beratungsangebote ausbauen und an vielen neuen Ideen feilen. Wir setzen alles daran, dass inklusive Wohnformen irgendwann so einfach zu realisieren sind wie jede andere Wohnform.

Welches digitale Produkt muss erst noch erfunden werden?

Automatische Untertitel, die wirklich gut den Inhalt treffen, wären ein Meilenstein für die digitale Barrierefreiheit und würden viele Stunden redaktioneller Arbeit sparen.

Auf welches könnten Sie verzichten?

Ich finde, viele technische Produkte werden durch immer mehr unnötige Funktionen verkompliziert. Jeder Herd und jede Zahnbürste müssen plötzlich smart sein. Die meisten neuen Produkte sind auf Akkubasis. Ich bin quasi nur noch damit beschäftigt, Bedienungsanleitungen zu lesen und Akkus zu laden. Mehr Nachhaltigkeit, Datenschutz und Schlichtheit, dafür weniger Spielereien würden der Digitalisierung guttun.

Hätten Sie gerne einen Haushaltsroboter?

Klingt verlockend! Andererseits hat so ein bisschen Putzen mit einem guten Podcast auf den Ohren durchaus etwas Entspannendes. Das ändert sich wahrscheinlich, wenn man Kinder hat.

Welche technische Anwendung wird Ihnen immer ein Rätsel bleiben?

Sprachassistenten. Ich finde, der Mehrwert steht in keinem Verhältnis zum Sicherheitsrisiko.

Wann waren Sie das letzte Mal 24 Stunden offline?

Beim Kanufahren in Mecklenburg. Tatsächlich eher unfreiwillig: Es gibt sie noch, die Ecken Deutschlands ohne Internetempfang.

Urlaub ohne WLAN: Traum oder Albtraum?

In der Natur ein absoluter Traum. Allerdings gehe ich ohne Navigations-App schnell verloren.

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