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Aus Fehlern lernen

„FuckUp Nights“: Wenn Unternehmer scheitern

© Stefanie Loos

6. November 2017

Erfolgsgeschichten gibt es viele. Vom Versagen erzählen jedoch nur wenige, denn dazu gehört schließlich eine große Portion Mut. Bei den FuckUp Nights wagen sich gescheiterte Gründer auf die Bühne und inspirieren andere mit ihrer ehrlichen Story vom Misserfolg. Wer in Berlin zuhören will, muss Schlange stehen. #explore war dabei – ein Besuch in der Start-up-Szene der Hauptstadt.

Schon eine Stunde vor Beginn ist klar: Die aufgebauten Stuhlreihen reichen nicht aus. Während drinnen schon die ersten nach leeren Bierkästen suchen, um sie zum Hocker umzufunktionieren, stehen draußen noch etliche in der Schlange und hoffen, wenigstens einen Stehplatz ergattern zu können. Wer auf der Gästeliste steht, hat Glück. Der Andrang ist groß – so groß, dass nicht allen Einlass gewährt werden kann.

Das Publikum ist jung, der geschätzte Altersdurchschnitt liegt bei Mitte 30. Die Uniform der Gäste besteht aus Jeans, Sneakern und Shirt, die meisten trinken Bier oder Biolimonade aus Flaschen. Das Stimmengewirr ist laut, die Musik von Deichkind, die aus den Boxen dröhnt, auch. Noch liegt die Bühne im Dunkeln, gleich gehen die Scheinwerfer an. Doch hier in einem Hinterhof-Fabrikloft in Berlin-Mitte, wo sonst tagsüber Digital-Experten an innovativen Ideen arbeiten, treten heute Abend keine Musiker auf, sondern drei Unternehmer, die mit ihrer Firma gescheitert sind. Es ist Dienstagabend, es ist FuckUp Night.

Die Botschaft der FuckUp Night formuliert Veranstalter Patrick Wagner deutlich: „Lasst uns nicht über Best Cases sprechen, sondern über Probleme – unter Freunden, in einem kleinen Kreis. Hört euch das an, lernt daraus, diskutiert mit.“ Patrick Wagner weiß, wovon er spricht, schließlich hat er selbst sein Unternehmen gegen die Wand gefahren. Vor einigen Jahren ging er mit seiner Plattenfirma Louisville Records pleite. Er und sein Mitstreiter Ralf Kemmer, Professor für Kampagnen- und Kommunikationsplanung an der Design Akademie Berlin, wollen mit der Veranstaltungsreihe „das Scheitern entstigmatisieren“. Denn dass Menschen, die sich etwas trauen und Neues wagen, auch scheitern, läge in der Natur der Sache.

Das beweist gleich der erste Sprecher des Abends: Daniel Spurman. Mit seinen 19 Jahren ist er der jüngste Sprecher, der bei den bislang 21 FuckUp Nights in Berlin auf der Bühne gestanden hat. Während andere in seinem Alter noch für das Abitur lernen, auf einen Studienplatz warten oder schon mitten in der Ausbildung stecken, hat Daniel Spurman bereits sein drittes Unternehmen gegründet. Der Start seiner ersten Firma ist dabei noch gar nicht so lange her: Im April 2016 entdeckte Daniel ein lustiges Video auf Facebook. Darin sprangen Menschen von einem Turm auf eine gigantische Luftmatratze im See, um andere hoch in die Luft zu katapultieren. Eine kurze Recherche im Netz ergab, dass es etwas Vergleichbares bislang in Deutschland nicht gab. Daniel war begeistert: „Das mach‘ ich!“

Viel Zeit blieb ihm nicht, bis zum Start der Sommersaison waren es nur wenige Wochen. Er suchte und fand einen See, einigte sich mit dem Pächter, organisierte eine 70 Kilogramm schwere Matratze, Helme, die Gewerbeanmeldung und einen günstigen Turm, rekrutierte zwei Mitarbeiter über ein Kleinanzeigenportal und ließ sich schnell zum Rettungsschwimmer ausbilden. Als es endlich losgehen sollte, machte sich der erste Mitarbeiter aus dem Staub – wegen einer plötzlichen „Seeallergie“. Daniels Freunde sprangen kurzerhand ein, um Matratze und Turm aufzubauen. Abends war Daniel so erschöpft, dass er allein am Strand einschlief. Wie durch ein Wunder trat Daniels Start-up „Jump2fly“ pünktlich an. Weil inzwischen auch der zweite Mitarbeiter fehlte, sprang Daniel selbst immer wieder und wieder vom Turm, um die zahlenden Gäste auf der XXL-Matratze in den See zu schleudern.

Das Geschäft lief gut – also fuhr Daniel kurzerhand wenige Tage nach dem Start seiner Firma in den Urlaub und übergab den Job an einen Freund. Während Daniel sich auf Kreta von den Strapazen der Firmengründung erholte, platzte auf dem Berliner Plötzensee die Matratze und damit endgültig der Traum vom eigenen Unternehmen. Doch auch die Wochen nach dem Aus brachten Daniel keine Erholung: „Ich hatte Angst und Depressionen. Meine Mutter riet mir, das Ganze mit Humor zu nehmen.“ Also lachte Daniel „ein bisschen“ und nahm sich vor, noch mal neu zu starten – mit einem besseren Businessplan, einer besseren Vorbereitung und einem professionellen Partner an seiner Seite. Heute, nur ein gutes Jahr später, ist Daniel Spurman mit seinem eigenen Onlineshop erfolgreich.

So viel Mut, Offenheit und Unternehmergeist belohnt das Publikum mit Applaus. „Daniel hat alles falsch gemacht, was man falsch machen kann“, sagt Patrick Wagner über den jungen Gründer. Das Publikum lacht und klatscht erneut. Daniels Geschichte trifft einen Nerv – wie auch die FuckUp Nights insgesamt. Ursprünglich stammt die Idee dafür aus Mexiko. Von dort aus hat die noch junge Veranstaltungsreihe die Welt erobert. 2012 gab es die erste Ausgabe, heute finden FuckUp Nights in mehr als 250 Städten in 80 Ländern der Erde statt. Den Machern geht es nicht um Schadenfreude, im Gegenteil. Sie wollen eine neue Kultur des Scheiterns etablieren – hinfallen, aufstehen, weitermachen. Daniel formuliert es so: „Es war der größte Fehler meines Lebens. Aber es war einfach eine geile Zeit.“

SCHÖNER SCHEITERN

2012 in Mexiko gestartet, tauschen sich bei den FuckUp Nights heute in mehr als 250 Städten in 80 Ländern der Welt Unternehmer über ihre größten beruflichen Misserfolge aus. Auch in Deutschland sind eine Reihe von Städten dabei, die auf ihrer jeweils eigenen Website oder Facebook-Seite darüber informieren, wann und wo die nächste FuckUp Night stattfindet:

Einen Überblick über die nächsten FuckUp Nights weltweit gibt es hier