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Fehlerkultur

Maggie Herker: „Scheitern ist kein Selbstzweck“

© Maggie Herker

30. November 2017

Fürs Scheitern muss man sich heute nicht mehr schämen. Im Gegenteil: Viele Start-up-Unternehmer stehen auf sogenannten FuckUp Nights offen dazu, wie tief sie gefallen sind. Auf #explore erklärt die YouTuberin Maggie Herker, warum Scheitern zwei Seiten hat.

#explore: In manchen Teilen der Wirtschaft, etwa in der Start-up-Szene, gilt es mittlerweile fast als schick, spektakulär gescheitert zu sein. Ist Scheitern ein hippes Zeitgeist-Phänomen?
Maggie Herker: Scheitern wird auf jeden Fall von vielen Leuten romantisiert. Ich sehe das so: Ich behaupte nicht, dass Scheitern angenehm ist; es hat mir persönlich wirklich jedes Mal verdammt wehgetan. Aber es hat mich weitergebracht. Und das geht ja allen so. Deswegen habe ich mir das Thema für meinen YouTube-Kanal ausgesucht. Nicht, weil es ein angesagtes Schlagwort der Ratgeberliteratur ist, sondern, weil es zeitlos ist.

#explore: Wird Scheitern also überbewertet?
Maggie Herker: Nein. Wir lernen durchs Scheitern. Um es mit einem Bild zu sagen: Umwege erhöhen die Ortskenntnis. Leider ist Scheitern in unserer Gesellschaft schlecht besetzt. Die Leute haben eine Wahnsinnsangst davor. Aber Angst lähmt.

#explore: Woran liegt das?
Maggie Herker: Dass Scheitern gesellschaftlich so negativ behaftet ist, geht schon ganz früh los. Zum Beispiel in der Schule. Wenn jemand in einem Fach schlecht ist, dann wird er zur Nachhilfe geschickt. Man könnte ja auch andersherum sagen: Du bist schlecht in Mathe – das macht nichts. Dafür bist du gut in Kunst, also mach mehr Kunst.

„Scheitern wird von vielen Leuten romantisiert.“

Maggie Herker

#explore: Jetzt mal Tacheles: Wie scheitere ich richtig?
Maggie Herker: Scheitern ist kein Selbstzweck. Es sollte nicht das Ziel sein, zu scheitern. Nach einer Niederlage ist es schon okay, sich in Selbstmitleid zu suhlen, aber nur kurz. Dann sollte man aufstehen und weitermachen. Das Ziel sollte es sein, unterschiedliche Dinge auszuprobieren. So war das ja auch bei Thomas Alva Edison und der Erfindung der Glühbirne. Edison hat experimentiert und experimentiert. Und jeder Fehlschlag hat ihn der Lösung ein Stück nähergebracht.

#explore: Wo verläuft die Grenze zwischen einer faulen Ausrede und einem ehrlichen Scheitern?
Maggie Herker: Wer die Schuld für sein Scheitern immer bei anderen findet, sucht nach Ausreden. Man muss reflektieren, ehrlich sein und es sich eingestehen, wenn man Dinge verkackt hat.

#explore: Auf deinem YouTube-Kanal „Scheitern für Anfänger“ sprichst du mit Prominenten übers Scheitern. Bist du selbst im Scheitern eher Anfänger oder Profi?
Maggie Herker: Auf jeden Fall Profi. Ich falle ständig auf die Schnauze. Zuletzt habe ich zum Beispiel für das Online-Hip-Hop-Magazin „16BARS“ Interviews geführt, etwa mit Stars wie Bushido und Sido. Aber die Redakteure fanden mich nicht gut. Sie sagten, ich sei zu steif und könne nicht moderieren. Da bin ich in eine Sinnkrise gestürzt – mal wieder. Aber eins wusste ich: Ich kann doch moderieren. Also fragte ich mich: Was für ein Format passt zu mir? Mit Schmink-Tutorials kann ich nun wirklich nicht dienen. Da ist mir meine Kernkompetenz eingefallen: das Scheitern. Das kann ich nach all den Jahren richtig gut. Ich dachte: Das ist es! Ich rede mit Prominenten übers Scheitern.

„Nach einer Niederlage ist es okay, sich in Selbstmitleid zu suhlen, aber nur kurz. Dann sollte man aufstehen und weitermachen.“

Maggie Herker

#explore: Wieso fällst du ständig auf die Schnauze?
Maggie Herker: Ich bin seit sieben Jahren selbstständig, habe viel ausprobiert und viele Fehler gemacht. Anfangs habe ich als Fotografin gearbeitet. Ich habe beispielsweise den Sneaker-Kalender gemacht, kurz: einen Kalender, in dem Frauen limitierte Auflagen von Sneakern tragen – den Pirelli-Kalender für Sneaker nenne ich das. Aber ich habe viel Pech gehabt, auch mit Kollegen. Menschen, denen ich vertraut habe, haben mich hintergangen und sich auf unfaire Art an meinem Erfolg bereichert. Meine Mutter sagt immer: „Sei froh, dass dir das früh passiert ist.“

#explore: Wie kommst du nach dem Scheitern wieder auf die Beine?
Maggie Herker: Ich folge meinem Bauchgefühl. Nachdem ich bei „16BARS“ gegen die Wand gelaufen bin, wusste ich intuitiv: Es hat nicht geklappt, aber ich will trotzdem moderieren. Gespräche mit Freunden und Familie sind gut, helfen mir allerdings oft nicht richtig weiter, wenn die Leute meine Branche nicht kennen. Deswegen spreche ich mit Menschen, die ähnliche Berufe haben, wenn ich ein konkretes Problem habe.

#explore: Etwas ganz Unsentimentales zum Schluss: Dein YouTube-Kanal „Scheitern für Anfänger“ hat nur etwas mehr als 1.000 Abonnenten. Ziemlich wenig für ein Business, in dem Abonnenten und Follower die Währung sind. Bist du schon wieder gescheitert?
Maggie Herker: Ich mache nicht den Fehler, mich mit anderen YouTubern zu vergleichen. Und ich muss sagen: Die Qualität des Feedbacks ist toll! Als ich noch bei „16BARS“ Interviews geführt habe, haben sich die Leute in den Kommentarspalten über meine Nase und meine Brüste ausgelassen. Das passiert bei „Scheitern für Anfänger“ nicht. Ich bin stolz darauf, ein nettes Publikum zu haben. Das ist im Netz wirklich selten. Ich hoffe auf ein gesundes Wachstum.

ZUR PERSON

Maggie Herker, 28, spricht auf ihrem YouTube-Kanal „Scheitern für Anfänger“ mit Prominenten übers Scheitern. Nebenbei arbeitet die Münchnerin als Video-Redakteurin und Social-Media-Managerin. Sie lebt in Berlin.

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