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Unternehmensführung

Betriebswirtschaftliche Kennzahlen: Frühwarnsystem für Unternehmen

Kennzahlen liefern Unternehmen wichtige Hinweise auf wirtschaftliche Entwicklungen und mögliche Risiken im Betrieb.

Erfahren Sie die wichtigsten BWL-Grundlagen und Kennzahlen für wirtschaftlichen Erfolg im Berufsalltag.
11. Juni 2026

Das Wichtigste auf einen Blick

  • BWL-Kennzahlen helfen Unternehmen, kritische Entwicklungen frühzeitig zu erkennen.
  • Oft genügen schon wenige passende Kennzahlen, um die wirtschaftliche Lage realistisch einschätzen zu können.
  • Besonders wichtig ist die Liquidität, damit finanzielle Engpässe nicht zu spät auffallen.
  • Künstliche Intelligenz kann die Auswertung unterstützen, die fachliche Einordnung bleibt jedoch entscheidend.

Warum BWL‑Kennzahlen jetzt entscheidend sind

Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen hat im Jahr 2025 laut dem Statistischen Bundesamt mit 24.064 Fällen den höchsten Stand seit Jahren erreicht. Das entsprach einem Anstieg von 10,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr. BWL-Kennzahlen können Firmen dabei helfen, Warnsignale frühzeitig zu erkennen und rechtzeitig gegenzusteuern.

Wir haben uns mit Ingo Merten, Unternehmensberater und Inhaber der Firma Midcap Advice, über die Gründe für die wirtschaftliche Stagnation und deren Auswirkung auf den Mittelstand, die Bedeutung betriebswirtschaftlicher Kennzahlen sowie die Rolle unterhalten, die Künstliche Intelligenz künftig dabei spielen kann.

Aktuelle wirtschaftliche Herausforderungen für den Mittelstand

Die wirtschaftliche Lage müsse laut Ingo Merten je nach Ebene unterschiedlich betrachtet werden. International spielten geopolitische Abhängigkeiten, Lieferkettenprobleme und Krisenszenarien wie Kriege oder Rohstoffengpässe eine wichtige Rolle. Entscheidend sei aktuell jedoch die Situation auf dem deutschen Markt. „Es ist wirklich mittlerweile spürbar, dass das in eine sehr unglückliche Richtung läuft. Vor allem der Mittelstand gerät in Existenznot, und die wirtschaftlichen Auswirkungen sind dort deutlich spürbar.“ Eine Entwicklung, die sich laut Ingo Merten auch im Austausch mit Banken, Insolvenzverwalter:innen und Unternehmensberater:innen deutlich bestätigt.

Die Auswirkungen zeigten sich sowohl zwischen Unternehmen, etwa bei Zulieferern, als auch bei der sinkenden Nachfrage im Handwerk und bei Verbraucher:innen. Neben dem Fachkräftemangel und dem demografischen Wandel belastet diese vor allem der Rückgang wirtschaftlicher Verflechtungen. „Früher waren viele Betriebe eng miteinander verzahnt, und jeder brauchte jeden. Irgendwo hatte man immer seine Beziehungen und Verbindungen. Heute brechen diese Beziehungen zunehmend weg“, erklärt der Experte.

Außerdem hätten Unternehmen aus der Metallverarbeitung ihre bisherigen Märkte teilweise verloren und müssten sich neu ausrichten, etwa in Richtung Rüstungsindustrie. Besonders schwierig sei die Lage im Handwerk, da dort oft finanzielle Rücklagen fehlten und kaum Ausweichmöglichkeiten bestünden. Viele Betriebe hielten sich mit Investitionen zurück, weil Unsicherheit über die weitere wirtschaftliche Entwicklung herrsche. Insolvenzen nähmen zu, die Nachfrage gehe zurück und sowohl Unternehmen als auch Verbraucher:innen warteten ab, bevor sie größere Anschaffungen tätigen.

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Was sind die wichtigsten Kennzahlen für Unternehmen?

Im Mittelpunkt einer solchen Untersuchung stünden die drei zentralen betriebswirtschaftlichen Bereiche Liquidität, Ertrag und Vermögen. Für jeden dieser Bereiche genügten oft ein bis zwei Kennzahlen, um Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und zu bewerten. Ergänzend können unternehmensspezifische Werte wie die Auftragsreichweite oder der Krankenstand hinzugezogen werden, um strategische Entscheidungen besser einordnen zu können.

Die Liquidität habe stets Vorrang vor dem Ertrag, um zu verhindern, dass der Betrieb den Liquiditätstod stirbt. Selbst wirtschaftlich erfolgreiche Unternehmen könnten in Schwierigkeiten geraten, wenn Rechnungen zu spät bezahlt werden und gleichzeitig laufende Kosten gedeckt werden müssen.

Kennzahlen zur Finanzlage

Die liquiden Mittel (Cashbestand) wie Bargeld oder Bankguthaben werden ins Verhältnis zu den kurzfristigen Verbindlichkeiten eines Unternehmens mit einer Laufzeit von bis zu einem Jahr gesetzt. Dazu zählen unter anderem Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen, Steuerverbindlichkeiten sowie Rückstellungen.

Berechnung:

Flüssige Mittel/kurzfristige Verbindlichkeiten x 100

Zusätzlich zu den liquiden Mitteln werden kurzfristige Forderungen gegenüber verbundenen Unternehmen sowie aus Lieferungen und Leistungen den kurzfristigen Verbindlichkeiten gegenübergestellt. Dabei handelt es sich um Forderungen, die in der Regel innerhalb weniger Tage oder Wochen eingezogen werden können, deren Laufzeit jedoch bis zu zwölf Monate betragen kann.  

Berechnung:

Flüssige Mittel + Forderungen/kurzfristige Verbindlichkeiten x 100

Das Working Capital bezeichnet die kurzfristigen finanziellen Mittel, über die ein Unternehmen verfügt. Es handelt sich also um die Differenz zwischen den kurzfristigen Vermögenswerten, die sich schnell in Bargeld umwandeln lassen, und den kurzfristigen Verbindlichkeiten, die innerhalb eines Jahres oder noch kürzerer Frist fällig werden.

Berechnung:

Umlaufvermögen – kurzfristiges Fremdkapital

Beschreibt den durchschnittlichen Zeitraum zwischen Rechnungsstellung und Zahlungseingang bzw. bis Kund:innen offene Forderungen begleichen. Zahlungsverzögerungen oder -ausfälle können zu Liquiditätsproblemen und höheren Kosten führen. Die Debitorenlaufzeit sollte daher möglichst nicht über der Kreditorenlaufzeit liegen. 

Berechnung:

Warenforderungen x 360/Nettoumsatz

Bezeichnet den durchschnittlichen Zeitraum zwischen Rechnungseingang eines Lieferanten oder Dienstleisters und deren Begleichung. Bis zur Zahlung handelt es sich um Verbindlichkeiten. Die Laufzeit sollte idealerweise mindestens so hoch wie die Debitorenlaufzeit ausfallen. Eine kürzere Laufzeit kann unter anderem auf Schwierigkeiten in der Warenwirtschaft oder Beschaffung hinweisen.

Berechnung:

Verbindlichkeiten x 360/Materialaufwand

Wird als Verhältnis der Gewinnrücklagen zum gesamten Eigenkapital verstanden. Eine hohe Selbstfinanzierungsquote zeigt, dass Gewinne und Erträge thesauriert, also in das Unternehmen reinvestiert werden. Durch den geringen Finanzierungsbedarf von außen bleibt eine gewisse Unabhängigkeit gewahrt.

Berechnung:

Cash-Flow x 100/Sachinvestitionen

Kennzahlen zur Ertragslage

Gibt an, welcher prozentuale Gewinnanteil pro Euro Umsatz im Unternehmen verbleibt. Damit ist sie ein wichtiger Indikator für die Ertragskraft und Effizienz eines Unternehmens und spielt auch eine Rolle bei der Bonitätsbewertung. Werte unter 3 Prozent gelten als kritisch, 3 bis 7 Prozent als durchschnittlich, über 7 Prozent als solide und über 10 Prozent als stark bzw. überdurchschnittlich.

Berechnung:

Betriebsergebnis x 100/Sachinvestitionen

Sie setzt den Materialaufwand eines Unternehmens innerhalb einer Periode ins Verhältnis zum Umsatz. Eine steigende Quote weist auf höhere Materialpreise oder einen erhöhten Materialverbrauch je Produktionseinheit hin.

Berechnung:

Materialaufwand x 100/Gesamtleistung

Die Rohertragsquote setzt den Rohertrag ins Verhältnis zum Umsatz. Der Rohertrag ergibt sich, indem vom Umsatz der Einkaufspreis, Nebenkosten sowie werterhöhende Maßnahmen abgezogen werden. Die Kennzahl gibt Aufschluss über die Wertschöpfung des Umsatzes und stellt eine wichtige Grundlage zur Deckung der Unternehmenskosten dar. Sie zeigt, wie hoch der Rohertrag sein muss, um Kosten zu decken und einen Gewinn zu erzielen.

Berechnung:

Rohertrag x 100/Gesamtleistung

Kennzahlen zur Vermögenslage

Der Anteil des Eigenkapitals am Gesamtkapital. Sie gibt Aufschluss über die finanzielle Stabilität eines Unternehmens und dessen Unabhängigkeit von Fremdkapitalgebern. Zudem stellt sie die Haftungsbasis eines Unternehmens und dessen Unabhängigkeit gegenüber Fremdkapitalgebern dar. Eine hohe Eigenkapitalquote erleichtert häufig die Zusammenarbeit mit Geschäftspartnern und Lieferanten, da diese in der Regel auf langfristige Stabilität achten. Darüber hinaus ist sie ein wichtiger Faktor für die Beurteilung der Bonität und des Ratings eines Betriebs.

Berechnung:

Eigenkapital x 100/Bilanzsumme

Die Kennzahl gibt an, wie lange Vorräte und das darin gebundene Kapital durchschnittlich im Unternehmen verbleiben. Zur Steigerung der Wirtschaftlichkeit sollte die Lagerdauer möglichst reduziert werden, da dies die Kapitalbindung senkt.

Berechnung:

Warenvorräte x 360/Materialaufwand

Betriebliche Kennzahlen

Beschreibt, für wie viele Tage der aktuelle Auftragsbestand voraussichtlich ausreicht. Eine Auftragsreichweite lässt auf Planungssicherheit und eine gute Auslastung schließen. Zudem können mögliche Engpässe frühzeitig erkannt und Prognose für Umsatz und Liquiditätsplanung abgeleitet werden.

Berechnung:

Auftragsbestand x 360/Umsatz der letzten 12 Monate

Gilt als Indikator dafür, wie häufig Mitarbeitende krankheitsbedingt ausfallen, und kann zugleich Hinweise auf ihre Zufriedenheit mit Arbeit und Arbeitsplatz geben. Ein hoher Krankenstand kann unter anderem auf ein schlechtes Betriebsklima oder geringe Zufriedenheit unter den Mitarbeitenden hindeuten.

Berechnung:

Krankheitstage x 100/Arbeitstage

„Eine isoliert betrachtete Kennzahl ist jedoch nur begrenzt aussagekräftig. Erst im Vergleich mit früheren Unternehmenswerten oder externen Benchmarks sind Entwicklungen wirklich aussagekräftig“, gibt Ingo Merten zu Bedenken. Dabei müssten jedoch vergleichbare Rahmenbedingungen berücksichtigt werden, da etwa internationale oder branchenfremde Vergleiche schnell zu falschen Schlussfolgerungen führen könnten. Es sei auch wenig sinnvoll, sich als Mittelständler:in in Mitteleuropa mit Handwerker:innen in Südamerika zu vergleichen. Selbst innerbetrieblich werde es schwierig, wenn unterschiedliche Geschäftsfelder oder starke Wachstumsphasen betrachtet werden.

Risiken rechtzeitig erkennen und gezielt gegensteuern

In wirtschaftlich unsicheren Zeiten können betriebswirtschaftliche Kennzahlen Unternehmen dabei helfen, die eigene Situation realistisch einzuschätzen und rechtzeitig auf Veränderungen zu reagieren. Laut Ingo Merten bilden sie zunächst die Grundlage für eine Standortbestimmung: Betriebe erkennen dadurch, wo sie wirtschaftlich stehen und welche Entwicklungen sich bereits abzeichnen. Denn wenn fehlende Liquidität erst beim Online-Banking sichtbar werde, sei es meist bereits zu spät.

Im ersten Schritt geht es daher darum, die relevanten Kennzahlen regelmäßig auszuwerten, etwa zu Liquidität, Materialaufwand oder Auftragslage. Diese liefern jedoch zunächst nur einen Status quo und sind kein Allheilmittel. Veränderungen lassen sich häufig erst im Nachhinein erkennen. Das geschieht beispielsweise dann, wenn steigende Materialkosten bereits in der Materialaufwandsquote sichtbar werden.

In einem zweiten Schritt gilt es, die richtigen Fragen zu stellen:  

  • Warum gehen Aufträge zurück?
  • Weshalb steigen die Materialkosten?
  • Welche konkreten Auswirkungen hat das auf das eigene Unternehmen? 

Erst durch diese Analyse werden mögliche Schwachstellen sichtbar, etwa in der Lieferantenstruktur, der Kundenabhängigkeit oder innerhalb der eigenen Wertschöpfungskette.  

Anschließend können Firmen gezielt prüfen, an welchen Stellen sie nachsteuern müssen. Der Experte nennt dafür das Beispiel eines Maschinenbauers, der Produktionsanlagen für große Industriekonzerne entwickelt. Zwischen Planung, Produktion, Inbetriebnahme und finaler Bezahlung vergehe dort oft fast ein Jahr, in dem das Unternehmen vollständig in Vorleistung gehe. Verzögerungen durch Lieferengpässe, verlängerte Zahlungsziele oder wirtschaftliche Probleme großer Auftraggeber könnten diese Prozesse zusätzlich belasten. Gerade in solchen Fällen helfen Kennzahlen dabei, Risiken, Abhängigkeiten und finanzielle Engpässe frühzeitig sichtbar zu machen.

KI-gestützte Kennzahlenanalyse für den Mittelstand

Künstliche Intelligenz könne dabei helfen, diese Prozesse effizienter zu gestalten. Laut Ingo Merten sind KI und Automatisierung im Bereich Controlling und Unternehmenssteuerung längst angekommen. Große ERP- und Managementsysteme sammeln bereits Daten aus unterschiedlichen Bereichen wie Vertrieb, Produktion oder Einkauf und bereiten daraus relevante Kennzahlen auf. KI könne dabei helfen, diese Daten schneller auszuwerten, Zusammenhänge sichtbar zu machen und Abweichungen zwischen Plan- und Ist-Zahlen zu analysieren, etwa bei gestiegenen Materialkosten oder Problemen in der Lieferkette. Voraussetzung sei jedoch, dass Unternehmen klar definieren, welche Informationen und Ergebnisse überhaupt benötigt werden. „KI hilft überall, wo man sie zielgerichtet einsetzt. Wenn die Daten aber nicht genutzt werden, entsteht lediglich ein Datenfriedhof“, warnt der Experte.

Die gesammelten Informationen fließen in sogenannte Management-Informationssysteme, deren Ergebnisse je nach Betriebsgröße entweder von Controlling-Abteilungen oder direkt von der Geschäftsführung genutzt werden. KI könne diese Prozesse effizienter und kostengünstiger gestalten und damit insbesondere mittelständische Betriebe unterstützen, die keine große Controlling-Abteilung aufbauen können. „Den menschlichen Sachverstand kann die KI jedoch nicht ersetzen“, betont Ingo Merten. Die Ergebnisse müssten weiterhin fachlich geprüft, eingeordnet und reflektiert werden. Entscheidend seien deshalb qualitativ hochwertige Daten, passende Parameter und eine sinnvolle strategische Nutzung der Systeme.

Kennzahlen als Grundlage fundierter Entscheidungen

Ein Patentrezept gegen wirtschaftliche Unsicherheit gibt es nicht. Betriebswirtschaftliche Kennzahlen können Unternehmen jedoch dabei helfen, kritische Entwicklungen frühzeitig zu erkennen, Risiken besser einzuordnen und fundierte Entscheidungen zu treffen. Gerade in wirtschaftlich angespannten Zeiten gewinnen Themen wie Liquidität, Auftragslage und Kostenkontrolle zunehmend an Bedeutung. Ein Betriebswirtschaftsstudium ist dafür aber nicht erforderlich. Bereits wenige, gezielt ausgewählte Kennzahlen reichen häufig aus, um ein realistisches Bild der eigenen wirtschaftlichen Situation zu erhalten und rechtzeitig gegenzusteuern.

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Natalie Pätzel

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