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Zwei Jahre Grüner Knopf: Von der Zertifizierung bis zur Zukunft

05.10.2021 | NACHHALTIGKEIT: Was müssen Hersteller und Händler auf dem Weg zum Grünen Knopf beachten? Und wie wird der Grüne Knopf 2.0 aussehen? Im Interview mit Textilwirtschaft (09/2021) erklärt Martin Saalmann, Fachleiter Nachhaltigkeit bei TÜV NORD CERT, wie die Zertifizierung abläuft, wo es die größten Herausforderungen gibt und was zu beachten ist.

TextilWirtschaft: Was raten Sie Firmen, die Ihr Unternehmen zertifizieren lassen wollen  wie können diese sich bestmöglich vorbereiten?
Martin Saalmann: Basis des Audits ist eine Selbsteinschätzung des Unternehmens zum Erfüllungsgrad jedes einzelnen Indikators des Grünen Knopfes. Das Unternehmen kann so jeden Punkt evaluieren und sich bestmöglich auf ein Audit vorbereiten. Bei Fragen zu den einzelnen Punkten kann der Zertifizierer oder die Geschäftsstelle Grüner Knopf Hilfestellung bei der Interpretation geben. Alles ist sehr transparent aufbereitet.

Inwieweit unterscheidet sich der Grüne Knopf von den üblichen Zertifizierungen?
Der Grüne Knopf ist ein Meta-Siegel. Das hat für Unternehmen den Vorteil, dass sie auf bereits erbrachte Nachweise und vorhandene Siegel zurückgreifen können. Für unsere Auditorinnen und Auditoren bedeutet das allerdings, dass sie sich auch mit den Anforderungen zahlreicher anderer Zertifizierungen und Siegel genau auskennen müssen. Außerdem müssen wir die Risikoanalyse beurteilen, die sehr komplex sein kann, abhängig von der Anzahl der Länder und der Produkte, die gelabelt werden sollen. Dafür braucht es sehr spezifische Expertise. 

Welche Textilfirmen haben Sie bereits zertifiziert und wie lief das ab?
TÜV NORD hat sehr kleine Unternehmen, aber auch große Unternehmen mit über 1000 Mitarbeitenden zertifiziert. Es sind Unternehmen dabei, die ihre Lieferanten ausschließlich in Europa haben, aber auch Unternehmen, die überwiegend in Asien beziehen. Ein Teil der Unternehmen produziert selber, andere lassen produzieren. Die Geschäftsmodelle sind sehr heterogen. Einige Unternehmen waren sehr gut vorbereitet, da Nachhaltigkeit bzw. Sorgfaltspflichten ein wesentlicher Bestandteil ihres Geschäftsmodells ist. Andere Unternehmen machen bereits sehr viel, aber wurden erst durch die Vorgaben des Standards angehalten, dies alles strukturiert aufzubereiten.

Ein häufig diskutierter Punkt ist der Grad an Transparenz, den die Unternehmen einhalten müssen, um die Kriterien des Standards zu erfüllen. Wo gab es am häufigsten Probleme, was sind die größten Herausforderungen?
Kern des Standards ist die Risikoanalyse. Für die Unternehmen ist es wichtig, die Anforderungen zu erfüllen. Gleichzeitig muss die Analyse aber auch als Instrument im täglichen Geschäft genutzt werden. Hier einen praktikablen Ansatz zu finden, erweist sich häufig als Problem, insbesondere dann, wenn Lieferanten in vielen unterschiedlichen Ländern ansässig sind und die Analyse dadurch sehr komplex werden kann.

Viele, auch gut aufgestellte, große Firmen wie Tchibo und Vaude, mussten beim Beschwerdemanagement nachbessern.
Ja, hier stoßen Unternehmen häufig an ihre Grenzen. Den Stakeholdern in der Lieferkette, also insbesondere den Arbeiterinnen und Arbeitern, soll es möglich sein, direkt Beschwerden zu lancieren. Hier einen effektiven Mechanismus für ein Einzelunternehmen zu etablieren, ist schwierig. Daher sollten sogenannte "Multi-Stakeholder-Initiativen" initiiert werden, an denen sich Unternehmen beteiligen können. Es gibt bereits einige. Die sind aber nicht vollumfänglich, das heißt, diese beziehen sich z.B. nur auf eine reduzierte Anzahl von Ländern. Auch der Austausch der Unternehmen mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bei den Lieferanten ist ein wichtiger Bestandteil des Standards. Es gibt Unternehmen, die den Grünen Knopf führen, die diesen partnerschaftlichen Ansatz in ihrem Geschäftsmodell verankert haben, indem sie in engem Austausch mit den Lieferanten sind. Für andere Unternehmen ist dies schwieriger darstellbar.

Von der Branche kommt immer wieder Kritik an der zu großen Bürokratie und zu geringen Internationalität. Wie sehen Sie das?
Die Bürokratie beim Grünen Knopf hält sich meiner Meinung nach in Grenzen. Die Daten, die für das Labelling der einzelnen Produkte notwendig sind, sollten aus jedem Warenwirtschaftssystem verfügbar sein. Die Dokumentationspflichten sind natürlich für die Nachweisführung im Audit wichtig und fordern vom Unternehmen, ein Managementsystem einzuführen. Somit ist gewährleistet, dass die Sorgfaltspflichten im täglichen Geschäft bei der Auswahl und dem Management von Lieferanten in der Lieferkette entsprechende Beachtung finden. Die Internationalisierung findet bereits statt, wenn auch in kleinen Schritten. Auch wir würden uns hier eine schnellere Entwicklung wünschen und sind dazu bereits im Austausch mit unseren internationalen Expertinnen und Experten.

Inwieweit bereiten Sie sich schon jetzt auf den Grünen Knopf 2.0 vor?
TÜV NORD hat sich an der öffentlichen Kommentierungsphase beteiligt und ist im Austausch mit den handelnden Personen. Wir studieren die Änderungen sehr genau und geben unseren Input bezüglich möglicher Probleme bei der Auditierung.

© TextilWirtschaft | 08.09.2021