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Das Cradle to Cradle Konzept in der Praxis

Das Cradle to Cradle Konzept in der Praxis

Zur Themenwelt Umweltschutz

Beitrag vom 01.12.2020

Von der Wiege zur Wiege

Ein wirtschaftliches Produktionssystem ohne Abfall? Genau das, nämlich den perfekten natürlichen Kreislauf, strebt das Cradle to Cradle Konzept an. Ähnlich wie in der Natur, soll auch in menschlichen Systemen kein Abfall produziert werden. Stattdessen sollen Gebrauchsprodukte für einen technischen und Verbrauchsprodukte für einen biologischen Kreislauf entwickelt werden. 

Die Bestandteile von Produkten werden deshalb so ausgesucht, dass sie zu Kompost werden und in biologische Kreisläufe zurückgehen können. Technische Produkte können in einen technischen Kreislauf überführt werden.

In unserem Interview mit dem Cradle to Cradle Experten Dr. Christoph Semisch erfahren Sie mehr über dieses spannende Thema!

Interview mit Dr. Christoph Semisch

Was ist das Cradle to Cradle Konzept?

Dr. Christoph Semisch: Produkte sollen so gestaltet werden, dass sie entweder in technischen (zum Beispiel Fernseher, Waschmaschinen, Bauprodukte) oder biologischen Kreisläufen (zum Beispiel Reinigungsmittel, Kosmetik, teilweise Textilien) zirkulieren können. Dabei muss beachtet werden, dass der Begriff "Kreisläufe" nur aufgrund seiner Verständlichkeit verwendet wird. Natürlich werden zum Beispiel Reinigungsmittel aus dem Abwasser nicht wieder zu Reinigungsmittel, sie sind aber im Wasser unschädlich.

Um dies zu erreichen, ist eine genaue Kenntnis der Inhaltsstoffe der Produkte („know what it is“) erforderlich. In anderen Zusammenhängen wird meist nur kommuniziert, welche Inhaltsstoffe nicht im Produkt enthalten sind ("frei von...").
Cradle to Cradle arbeitet immer mit den Deklarationen der Inhaltsstoffe - unabhängig davon, ob es um Produkte oder Chemikalien geht.

Da diese fast immer vertraulich sind, wendet EPEA ein „know-how-trustee-Modell“ an, sodass EPEA die Deklarationen über Geheimhaltungsvereinbarungen erhalten und auswerten kann. Die einzelnen Substanzen werden unter toxikologischen Gesichtspunkten in Verbindung mit dem Gebrauchsszenario bewertet.
Wichtig ist auch, dass Unternehmen das Cradle to Cradle Konzept nicht vom ersten Tag an vollständig umsetzen müssen. Mit Cradle to Cradle begibt man sich auf einen Weg und muss nicht gleich perfekt sein. So ist es auch in der C2C-Zertifizierung (Cradle to Cradle-Zertifizierung) abgebildet.

Welchen Nutzen hat das Konzept für ein einzelnes Unternehmen?

Dr. Christoph Semisch: Folgende Wettbewerbsvorteile bietet das Konzept einem einzelnen Unternehmen:

  • Differenzierung am Markt
  • Angebot möglich bei zunehmender Nachfrage nach C2C-Produkten, z. B. bei Ausschreibungen
  • Höhere Produktsicherheit aufgrund der hohen C2C-Anforderungen
  • Bessere Kenntnis der eigenen Produkte durch Einbeziehung vertraulicher Daten der Lieferanten (unter Gewährleistung der Vertraulichkeit gegenüber den Lieferanten)

Was macht ein nachhaltiges Produkt aus?

Dr. Christoph Semisch: Der Begriff Nachhaltigkeit ist viel zu ungenau und wird inflationär benutzt. Daher wird er im Kontext des Cradle to Cradle Konzepts nicht gebraucht. Entwickelte Cradle to Cradle-Produkte sind – im technischen Kreislauf – recyclingfähig.

Cradle to Cradle umzusetzen bedeutet, auf Effektivität statt auf Effizienz zu setzen. Effektivität zielt darauf ab das Richtige zu produzieren, nicht das Bestehende zu optimieren. Der Ansatz klimaneutral sein zu wollen ist für mich falsch. Wir wollen klimapositiv sein.

Prof. Michael Braungart Geschäftsführer EPEA Internationale Umweltforschung Hamburg Leuphana, Universität Lüneburg

Können Sie uns ein Beispiel für ein Cradle to Cradle Produkt geben?

Dr. Christoph Semisch: Die Cradle to Cradle CertifiedTM Zertifizierung zeigt zahlreiche Produkte, die den Zertifizierungsprozess durchlaufen haben. Alle zertifizierten Produkte sind auf der Seite des Cradle to Cradle Products Innovation Institute in Oakland zu finden. Dieses übernimmt die Rolle der unabhängigen dritten Partei in der Zertifizierung und stellt dementsprechend die Zertifikate aus.

EPEA übernimmt bei der Zertifizierung die Rolle einer der Assessoren, die für die inhaltliche Arbeit mit dem Kunden zuständig sind. Im Folgenden finden Sie einige Beispiele für Produkte, die das Level Gold (=optimiert) erreicht haben.

  • Dr. Schnell Reinigungsmittel
  • Actega Terra Drucklacke
  • Huber Druckfarben
  • Wolford Textil
  • Werner&Mertz Reinigungsmittel, zum Beispiel „Frosch“
  • Lidl Schlafanzüge
  • Bauwerk Parkett
  • Desso Teppichböden
  • Evonik Calostat Isoliermaterial

Wo liegen die Herausforderungen?

Dr. Christoph SemischDie drei größten Herausforderungen sind die Motivation des Unternehmens, die Aktivierung der Lieferkette sowie die Recherche der detaillierten Zusammensetzungen bis hin zu 100 ppm Inhaltsstoffkonzentration.

Was ist der erste Schritt, um das Konzept in einem Unternehmen einzuführen?

Dr. Christoph SemischGrundsätzlich ist die Einführung des Konzepts für alle Produktarten und somit für jede Art von Unternehmen möglich. In der Regel erfolgt die Einführung durch die Geschäftsführung. Wichtig ist allerdings, dass die Mitarbeitenden des Unternehmens an dem Konzept interessiert und auch motiviert sind, es praktisch umzusetzen. Sind diese Voraussetzungen gegeben, können die Mitarbeitenden mit der Identifizierung geeigneter Produkte beginnen.

Ich würde Unternehmen empfehlen, das Produkt zunächst auf Materialebene zu untersuchen (früherer Name „QuickScan“, neuer Name „PreEvaluation“), um eine erste Einschätzung über die C2C-Eigenschaften zu erhalten. Anschließend kann man weiter ins Detail gehen und detaillierte Inhaltsstoffuntersuchungen vornehmen.

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